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Interviews 2005

Gyllenhaal – Love and War

Warst du überrascht über die Art und Weise, wie nicht nur die Kritiker sondern auch die Öffentlichkeit „Brokeback Mountain“ aufgenommen haben?
Nun, ich bin beiderseits überrascht. Das Interessante ist, dass ich niemals zuvor bei einem meiner Filme das Gefühl hatte, dass die Kritiker die Öffentlichkeit widerspiegeln. Wenn ich mit Journalisten spreche, insbesondere mit Männern, dann sagen sie „Also ich bin hetero und so, aber äh, es ist in Wirklichkeit ein Film über Freundschaft, oder? Stimmts?!“ Sie rechtfertigen es, auf welche Art auch immer und deswegen wird erst darüber diskutiert.
Als wir den Film auf Festivals vorstellten, waren wir überrascht, dass die Leute so auf uns zukamen. Ang Lee meinte, dass die Leute ihm keine Fragen stellen, sondern zu erst sagen, wie sie sich fühlen. Als wir dann begannen mit der Presse zu reden, war es anders, wir hatten zum ersten Mal echte Zuhörer.
Meine Patenonkel sind schwul und sie erklärten mir, was für ein wichtiger Film das für ihre Gemeinschaft sei. Andererseits denke ich, dass es auch einfach eine Liebesgeschichte ist. Der Film ist definitiv unkonventionell umgesetzt, bewegt sich in einem unkonventionellen Rahmen und trotzdem ist er durch und durch konventionell. Liebesgeschichten sind immer wunderschön. Und deswegen wundere ich mich doch nicht so sehr über die Reaktionen.
Ist es der schwule Blickwinkel, der den Film riskant und, bei dem konservativen Klima in America, politisch macht?
Ich denke ja. Es bewegt die Leute. Das ist es, was ich beim Lesen eines Drehbuchs oder etwas anderem liebe. Es muss sich neu anfühlen, nach etwas, das du vorher noch nie gesehen hast.
Das Publikum soll in den Film gehen und denken: „Wow, das ist etwas völlig Neues, ein Blickwinkel, über den ich noch gar nicht nachgedacht habe.“
Brokeback Mountain ist ein von den vielen Filmen, die sich mit einer schwulen Thematik beschäftigen und herauskommen, als Antwort auf das konservative Klima in Amerika. War es das, woran du gedacht hast, als du den Film ausgesucht hast?
[atmet tief ein] Erstens geht es immer darum, wie ich ein Drehbuch empfinde. Ich wähle meine Filme nicht aus politischen oder sozialen Gründen. Vielleicht kommt meine Empfindung auch durch die Art, wie ich erzogen wurde, weißt du, was ich meine?
Ich kenne viele junge Schauspieler, die diesen Film abgelehnt haben – Gott sei Dank, denn sie waren die erste Wahl und ich hätte die Rolle dann nie bekommen. Vielleicht war deren politischer Hintergrund oder die Art, wie sie erzogen wurden, der Grund für ihr Ablehnen.
Ich kann nur sagen, als ich das Skript las, habe ich hinter die Dinge gesehen und die Schönheit dieses Films erkannt. Ich hab nicht gedacht: „Ja, damit überrasch ich sie, damit zeig ichs ihnen, weißt du?“ Ich konnte einfach nicht ablehnen.
Brokeback Mountain und Jarhead sind nicht nur viel kontroverser, als alles, was du vorher gemacht hast, sondern auch gereifter. Sind sie der Beginn eines neuen Kapitels?
Definitiv. Hoffentlich ist es nicht nur Einbildung. Diese Filme waren zum ersten Mal etwas, das ich gemacht habe, ohne andere Leute nach ihrer Meinung zu fragen und mir die Entscheidung abnehmen zu lassen, ob ich es mache oder nicht. Ich fühle mich, als würde ich nach einer Entwicklung in meiner Arbeit suchen und Brokeback Mountain ist ein erster Schritt auf diesem Weg und Sam spornte mich in Jarhead an – doch fühlte ich mich als könne ich nicht mithalten mit Heath oder mit Peter (Sarsgaard in Jarhead) oder ich konnte mithalten, hätte aber nicht in der Szene sein sollen. Ich arbeitete in einem Gebiet, das unstrukturierter war, als das, was ich vorher kannte.
Also war deine Annäherung (an die Figur) instinktiver als sonst?
Ja, ja genau. Es gibt Leute, die sagen zu mir über Brokeback Mountain: „Es beginng traurig, es geht traurig weiter und es endet traurig und du gehst mit genau dieser Stimmung.“ Ich denke Heath und ich befanden uns für vier oder fünf Monate in dieser Traurigkeit. Es dauert lange, bis du da wieder auskommst, aber ich versuche diese Dinge mit mir zu nehmen.
Hast du gleich mit Jarhead weitergemacht?
Nein, ich hatte drei Monate Pause, aber ich nahm die Rolle während der Dreharbeiten an und erarbeitete sie auch. Das war der Anfang von Ende.
Meinst du die amerikanische Öffentlichkeit kommt mit Jarhead so aus wie mit Brokeback Mountain? Immerhin können sie jeden Tag Bilder vom Irakkrieg im Fernsehen sehen, was sollte ihnen da ein einzelner Soldat ausmachen, der den Feind nicht angreifen darf?
Nun, der Film ist gerade angelaufen. Es ist vor allem interessant zu sehen, wie er beworben wird. Faszinierend sind die Erwartungen der Menschen, die sie 1. in einem Sam Mendes Film und 2. in einen Kriegsfilm haben. Er wurde so angepriesen, dass die Leute ihn für etwas hielten, das er gar nicht war. Es ist ein Film, der mit einem fürchterlichen Doppelsinn aufwartet. Es werden viele Fragen gestellt und nur wenige beantwortet. Ich denke, das ist ein wichtiger Faktor, du kannst nicht einfach über die Dinge, die jeden Tag passieren hinweggehen, du musst sie aufnehmen. Die Leute sage: „Ach, das ist nur ein Film, kein Krieg.“ Aber es ist ein Kriegsfilm, in dem nichts passiert, der wahre Krieg, ist der in ihrem Kopf.
So war es nun mal für die Soldaten im 1. Golfkrieg und es bedeutet ihnen etwas. Die Menschen erwarten viel Blut bei einem Krieg und so gehen sie in einen Film und verstehen ihn, denn es ist normal geworden, doch wenn sie aus einem Kriegsfilm kommen, in dem kein Blut zu sehen war, dann verstört sie das, denn sie fühlen sich unwohl, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt wurden.
Es scheint ein frustrierender Film zu sein. Nicht nur der Frust nicht kämpfen zu können, sondern auch sexuelle Frustration. Und der Film selbst scheint gemacht worden zu sein um den voyeuristischen Thrill, den wie Anthony Swofford, Autor des Buches und Charakter, den du spielst, die Soldaten beim Sehen von so genannten Antikriegsfilmen wie „Apokalypse Now“ nicht zu befriedigen.
Nun, ich denke, du musst als junger Mann nicht viel tun um frustriert zu sein. [lacht] Weißt du, was ich meine? Jegliche Art von Frustration, mental, sexuell. Das war ein Grund, warum ich diese Rolle unbedingt wollte. Ich wollte sie unbedingt, denn ich befinde mich in einer Phase in meinem Leben, wo ich diese Gefühle von Frustration und Wut habe, wo ich manchmal einfach nur meine Faust durch die Wand schlagen möchte, ohne zu wissen warum.
Was ich über das Militär in dieser kurzen Zeit gelernt habe, ist dass sie sich diese Gefühle zu nutze machen. Sie geben ihnen Bedeutung durch eine Mission. Ich denke, dass ist die Intention des Filmes, auch wenn er für viele Leute eine unklare, variable Antwort liefert.
Die Sexualisierung des Krieges, die Art, wie die sexuelle Bewegung der Soldaten zurückgerichtet wird, bis zu diesem erstaunlichen Ende, ist interessant.
Es richtet sich alles gegen sie selbst. Wenn du ausgebildet bist zu töten und du nicht die Chance kriegst jemanden zu töten, wirst du irgendwann anfangen deine eigenen Leute zu töten. Darum geht es. Wenn du 12 Jungs inmitten der Wüste zurücklässt, werden sie irgendwann etwas Merkwürdiges tun.
Ich habe ein Zitat deiner Mutter gelesen, wo sie sagt, dass sie und dein Vater versucht haben dir und deiner Schwester eine Art Humanismus und politisches Verständnis beizubringen. Wie sieht das in der Praxis aus?
Ich denke, dass ich in allen Dingen nach Menschlichkeit und Hoffnung suche. In der traurigsten Geschichte, in der schlimmsten Pervertiertheit kann man dies finden. Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube, dass in allem etwas Gutes steckt und das ist es, was mich bewegt. Ich glaube, das war das Beste in meiner Erziehung. Und dann spielt natürlich die Verdrehtheit eine Rolle beim anderen Teil meiner Erziehung.
Wie meinst du das?
Oh, ich meine nur, du weißt schon…jedes Kind… Ich denke niemand hat eine wirklich glückliche Kindheit, egal, was sie dir später erzählen. Auch wenn wir alle behaupten, dass wir gern zurückgehen würden um noch einmal Kind sein zu können, würde niemand von uns das wirklich tun. Das meine ich. Jeder von uns hat seinen Anteil an Schmerzen als Kind mitbekommen. Kindsein ist verdammt hart in dieser Welt, egal wie du aufgezogen wirst.
Die Leute denken du hast immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden, weil du von all diesen berühmten Leuten umgeben warst.
[lächelt] Ja, ich weiß.
Ist dir klar, dass du den Traum vieler Leute mit dir trägst?
[wir beide lachen] Klar. Nein, mir ist gar nichts klar. Das darfst du ruhig zitieren. [lacht]
Nein, ich bin überrascht wie sehr die Leute Brokeback Mountain lieben [kann das Lachen kaum unterdrücken], alles ist überraschend für mich, wie man alles auf verschiedene Arten empfinden kann. Es ist erstaunlich wie die Menschen unterschiedlich mit Dingen umgehen, was sie aufregt und was nicht. Ich versuche immer so ehrlich zu sein wie ich kann und wie die Leute mit dieser Ehrlichkeit umgehen, ist ihre Sache.
Ist es wahr, dass deine bah mitzvah in einem Obdachlosenheim stattgefunden hat?
[lacht peinlich berührt] Ja, das stimmt. Ich denke, ich bin privilegiert aufgewachsen, meine Mutter hat immer sehr darauf geachtet, dass wir eine gute Sichtweise auf die Welt kriegen.
Als kleiner Junge wollte ich die Obdachlosen versorgen, wir würden Truthahn kaufen und ihn an Thanksgiving den Obdachlosen bringen. Wir taten das alles. Ich habe es einfach vorausgesetzt und wenn ich heute mit der Presse darüber spreche, dann klingt es eben wie es klingt. Aber ich denke, es ist wichtig, dass man Kindern eine Perspektive gibt.
Aber an deiner eigenen bah mitzvah? Fühlen wir Juden uns nicht schon schuldig genug?
[wir beide lachen] Du hast schon Recht. Aber ich hatte auch andere Sachen auf der bah mitzvah. Weil mein Vater Christ ist, waren meine Eltern sich nicht immer einig wie sie uns erziehen sollten, aber meistens waren sie sich einig. Sie wollten alles mit uns teilen, ihre Ideen und so. Also hieß es: „Kommt, lasst uns die Obdachlosen versorgen.“ [lacht] Das ist wohl die logische religiöse Antwort auf das Christentum und Judentum. [lacht erneut]

Sam Mendes wollte dich für Jarhead nachdem er dich auf der Bühne in „This is our Youth“ sah. Warum wolltest du ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt Theater spielen und warum in London?
Mal wieder las ich das Skript und wollte es einfach machen. Es ist ein Meisterwerk. Und die Rolle in so einem Meisterwerk kriegt man selten in meinem Alter angeboten. Ich hab niemals gedacht: „Oh, das ist in London“, es war mir nie wirklich klar, vielleicht war diese Naivität ganz gut. Das Theaterstück hat mein Leben geändert. John Madden (Produzent von Proof), Sam Mendes und vier oder fünf andere Regisseure, mit denen ich hoffentlich in Zukunft zusammen arbeiten werde, kamen um mich zu sehen, das hat mir die Türen für viele Filme geöffnet. Als Schauspieler wird dir oft gesagt: „Mach dies und mach jenes, verdiene Geld.“ Ich erinnere mich noch, wie unser Stage Manager sich an mich und Hayden Christiansen wandte und sagte: „Genießt die Zeit, denn ihr werdet nie wieder eine Erfahrung wie diese machen, das erste Mal so einen Erfolg zu haben, ist ein außergewöhnliches Gefühl.“ Ich dachte nur: „Ok, Zeit um Spaß zu haben.“ Es war fantastisch! Das nächste, was ich tun werde, ist ein Bühnenstück, ohne Zweifel. Beim Film gibt man immer nur, es ist nicht dieses Geben und Nehmen wie im Theater.
Sam Mendes sagte, dass er nicht sicher war, ob du „wütend, gewalttätig und emotional eklig“ werden könntest. Hattest du dieselben Sorgen oder wusstest du, dass diese Dinge in dir stecken?
[lacht] Ich wusste von diesem Zögern. Und sein Zögern ließ mich zögern. Aber ich denke, ich fühlte, dass ich diese Dinge in mir habe. [zögert] Ich denke, ich wusste, dass ich sie in mir habe. Aber es ihm zu beweisen, war hart. Sein Vertrauen in mich zu gewinnen, war schwierig und dauerte eine Weile.
Wie hast du ihn überzeugt?
[zögert erneut] Nun, zuerst habe ich mit ihm zusammen gelesen und das tat ich richtig schlecht. Als ich das Buch las, war da etwas wie Tony Swofford schrieb, mit viel Sensibilität und Verständnis und eine Entschuldigung für alles, was er erlebt hat und gleichzeitig war da diese Beurteilung. Man spürte diesen Konflikt in ihm und er bewegte sich auf einer dünnen Linie. Er lernte diese Dinge, die er nicht lernen wollte und er begann sie zu lieben. Ich spürte, dass ich dies darstellen konnte. Ich rief Sam mitten in der Nacht an und sagte: „Ich tue alles um diese Rolle zu bekommen, alles.“ Wenn ich ehrlich bin, war ich mir nicht sicher, ob ich es hinkriege, aber ich dachte mir, wenn Sam mir vertraut, dann schaffe ich das.
Du hast mal gesagt, dass Brokeback Mountain und Jahrhead beides Filme sind, in denen es um extreme Einsamkeit geht und darum, was die Menschen dadurch über sich lernen. Warum warst du auf der Suche nach so etwas?
Die Ironie ist, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, dass ich solche Filme mache. Am Set von Jarhead, in der Mitte der Wüste, in der Mitte vom Nirgendwo, hatte ich keine Ahnung, dass ich einen Film über Einsamkeit mache. Ich verstehe warum du fragst: „Wo kommt diese Einsamkeit her oder das Interesse an dieser Einsamkeit?“ Ich denke, dass die interessantesten Dinge mit einem passieren, wenn man ganz alleine für sich ist. Du lässt dich endlich so sein, wie du bist. Als wir in Calvary (Set von Brokeback Mountain) waren, war ich eine lange Zeit alleine, nicht einmal Heath war da. Literarisch gesehen, waren wir wieder inmitten des Nirgendwo, wir lebten in unseren Trailern und sollten allein sein. Manchmal aßen wir zusammen, manchmal waren wir einfach nur allein. Ich kannte es nicht, dieses weite Land, abgelegen von allem zu sein, ich musste das erst ergründen. Man wächst in der Stadt auf und da ist immer alles um einen herum. Man merkt die ganze Zeit nicht wie einsam man eigentlich ist, bis man von dort weg kommt.
Ich denke, in Brokeback Mountain verlieben sich diese beiden Männer ineinander, weil sie einsam sind. Es gab nichts in ihrem Leben als sie sich trafen und es war das Beste, was ihnen passieren konnte, als sie sich dort begegneten. Und dasselbe, auf bizarre Weise, passiert Tony Swofford in dieser hoffnungslosen, fürchterlichen Einsamkeit, die ihn umgibt – sie hat ihn zu dem Autor gemacht, der er ist. Vielleicht musste ich unbewusst an diese Orte gehen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir diese Filme ausgesucht habe.
Hast du dich zu einem anderen Menschen entwickelt?
Ja, definitiv. Für mich ist es hart jetzt hier zu sitzen und mit den Ergebnissen klar zu kommen. Eine zeitlang war ich interessiert an dem, was andere über mich denken, doch das hat nichts mit meinen Erfahrungen zu tun. Ich bin ein anderer Mensch geworden durch den Prozess der Filme, nicht durch ihr Ergebnis. Ich weiß jetzt, dass es wichtig ist, zu differenzieren, ohne Bezug auf das Urteil anderer.
Hast du ein besseres Gefühl für dich und deine Person entwickelt?
Uh, ich denke, ich bin erwachsen geworden. [lacht] Ich weiß nicht, ob es ein besseres Gefühl für mein selbst ist oder einfach die Möglichkeit dem Erwachsensein etwas näher zu kommen und das ist ziemlich schwer im Filmgeschäft. Mit diesen Leuten zusammen zu arbeiten, und was ich von ihnen als Menschen mitbekommen habe – ja, Sam Mendes ist ein großartiger Produzent und ja, Ang Lee ist ein großartiger Produzent und Peter Sarsgaard ist ein fantastischer Schauspieler und Heath Ledger spielt einzigartig in dem Film – all diese Dinge, aber was ich wirklich nie vergessen werde, ist wie ich sie als Menschen kennengelernt habe. Letzte Nacht habe ich mich mit Ang Lee unterhalten, klar, er war mein Produzent, aber er ist ein wundervoller Mensch. Sam und ich haben einige Zeit als Freunde verbracht und das bedeutet mir am meisten, und das alles gibt es nur, weil wir gemeinsam diese Erfahrungen gemacht haben. Ich saß in meinem Wohnwagen, während Ang Lee davor Tai Chi machte, jeden Morgen, monatelang, so haben wir etwas Besonderes geteilt. Jetzt ist dies alles für mich am wichtigsten.
Interview mit Netribution
by Stephen Applebaum übersetzt von HeavenJ - Elijah Wood & Jake Gyllenhaal Community - VIELEN 1000 DANK!! :o)

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Bei der Premiere von "Jarhead"

Jake Gyllenhaal
Ich will mich nicht verstecken
18. Dezember 2005
Zu Beginn des Gesprächs trägt Jake Gyllenhaal, 24, eine sehr große erdfarbene Wollhaube, mit der jeder andere aussehen würde wie ein bekiffter Oktoberfestbesucher - Jake Gyllenhaal sieht damit aus wie ein interessanter, sensibler, intelligenter und sehr hübscher junger Schauspieler, eine Ikone des Independentfilms, der aus irgendeinem Grund eben eine sehr große Wollhaube trägt.

Wer ihn nicht kennt, hat "Donnie Darko" nicht gesehen und "The Day After Tomorrow" nicht und liest wohl auch seit Jahren kein Klatschmagazin. Man hat ihm lange eine große Zukunft vorausgesagt, die scheint nun Gegenwart: Er spielt die Hauptrolle in "Jarhead", dem phantastischen neuen Film von Sam Mendes; Ang Lees preisgekrönter Western "Brokeback Mountain" läuft ab März. Irgendwann im Laufe des Gesprächs nimmt Jake Gyllenhaal die Haube ab. Ohne sieht er aus wie ein Star.
Sie kommen aus einer Künstlerfamilie - Ihr Vater ist Regisseur, Ihre Mutter Drehbuchautorin, Ihre Schwester Maggie eine bekannte Schauspielerin. In "Jarhead", der Verfilmung von Anthony Swoffords Bestseller über den Golfkrieg, spielen Sie einen Mann, der unbedingt in den Krieg ziehen, sogar töten will. War es schwierig für Sie, sich da hineinzudenken?
Nein, vielleicht überraschenderweise. Es ist doch so, daß einem oft gerade die Dinge am nächsten liegen, gegen die man sich am meisten wehrt. Der Grund, daß ich diese Rolle spielen wollte, war, daß mir diese Gefühle so vertraut waren - Aggression, Wut, das Gefühl, daß man am liebsten seine Faust durch eine Wand schlagen würde -, damit konnte ich etwas anfangen.
Zusammen mit den anderen Schauspielern haben Sie eine militärische Grundausbildung durchlaufen, waren vor Drehbeginn einige Zeit im Boot Camp. Half das, um Aggressionen abzubauen?
Sie sind größer geworden.
Ich habe von dieser Zahnsache gehört.
Ich habe mir beim Drehen einen Zahn ausgeschlagen, ja.
Es ist während einer Szene passiert, in der es zwischen dem Charakter, den Sie spielen, und einem anderen Soldaten zu Spannungen kommt. Ihr Kollege soll sich tatsächlich von Ihnen bedroht gefühlt haben.
Es ist mehr als einmal vorgekommen, daß ich jemanden gewürgt oder fester zugepackt habe, als beabsichtigt. Sam Mendes hat uns viel Freiraum gegeben. Es war möglich, seine Gefühle richtig auszuleben. Und wenn man fünf Monate lang mitten in der heißen Wüste mit zwölf, vierzehn Männern zusammen ist, ist Aggression nicht unbedingt das unwahrscheinlichste Gefühl. Es ist schlimmer geworden mit der Zeit, ja, die Gefühle wurden intensiver.
Es sind also echte Gefühle, die im Film zu sehen sind? Echt empfundener Haß, echte Wut?
Ja. Für diesen Film habe ich mir nichts ausgedacht oder zurechtgelegt. Ich bin einfach jeden Morgen zur Arbeit gekommen. Mit genau den Gefühlen, die ich da eben gerade hatte. Wir Schauspieler haben die Schwierigkeiten, die wir privat miteinander hatten, mit in den Film gebracht. Peter Sarsgaard und ich zum Beispiel kennen uns seit langem, und wir hatten zu dieser Zeit eine Menge Probleme miteinander, die in die Szenen mit eingeflossen sind. Das gleiche gilt für die Szene mit Brian Geraghty, in der ich das Gewehr an seinen Kopf halte. Zwischen uns bestand damals eine echte Spannung. Viele Leute denken, schauspielern bedeute, daß man eine Maske aufsetzt und etwas vorspielt. Und alle reden immer davon, daß jemand seiner Rolle unter die Haut kriecht, daß jemand sich in einer Rolle verliert . . . Ich persönlich halte es für therapeutisch. Für mich ist es ein Prozeß, in dessen Verlauf man hoffentlich etwas über sich selbst herausfindet. Ich will mich nicht hinter irgend etwas verstecken. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ja, ich habe eine Wahrheit, echte Gefühle da mit hineingebracht, ich habe nicht nur so getan als ob.
Nach der Szene mit dem Gewehr sollen Sie und Geraghty einen Monat lang kein Wort miteinander gewechselt haben.
Das stimmt.
Später im Film gibt es eine Szene, in der Sie sich entschuldigen. War das das erste Mal, daß Sie wieder miteinander gesprochen haben? Ist das Ihre echte Entschuldigung?
Ja. Die Szene stand nicht im Drehbuch, die hat Sam nachträglich geschrieben. Er fand, daß das notwendig war.
Sam Mendes soll seine Schauspieler sehr erwachsen behandeln. Stimmt es, daß er immer gefragt hat, wie es Ihnen gerade geht, für welche Szene Sie in der Stimmung sind, anstatt wie üblich einem festen Drehplan zu folgen?
Ja. Die Arbeit mit Sam war sehr besonders. Er hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, daß nichts, was ich tue, falsch sein kann. Und dann ist auch nichts falsch. Das will ein Schauspieler gerne fühlen, daß ein Regisseur ihm so vertraut. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Wenn mal jemand wie Sam Mendes zu einem sagt, du hast recht, das ist die richtige Wahl, das ist klug, dann fängt man halt an, sich selbst zu vertrauen.
Vor "Jarhead" haben Sie mit Ang Lee "Brokeback Mountain" gedreht, der dieses Jahr in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Können Sie die unterschiedlichen Arbeitsweisen dieser beiden Regisseure beschreiben?
Also, was die Persönlichkeit angeht, ist Ang Lee sehr sanft, ruhig, ein Mann weniger Worte. Außerhalb des Sets hat er kaum Kontakt mit den Schauspielern. Ganz anders Sam. Er ist an einem Austausch interessiert, auch außerhalb des Sets besteht eine Beziehung, er will wissen, was du denkst, und ist sich immer bewußt, wie es dir geht, was du gerade durchmachst. Aber es gibt eine Gemeinsamkeit: Beide haben Fäuste aus Stahl, ich glaube, so kann man das nennen. Wenn sie eine Vorstellung haben, setzen sie die auch um, das ist eine Fähigkeit, die die meisten wirklich großen Regisseure haben - sie lassen sich von nichts und niemandem davon abbringen, ihre Idee zu verwirklichen. Ang ist ein großartiger Auteur, und ich hasse es, dieses Wort zu benutzen, ich glaube nämlich gar nicht an Auteurs, aber bei Ang trifft es zu.
Was meinen Sie mit "Auteur"?
Wir sind Teile seines Puzzles. Bei Sam ist es eher so, daß wir ihm dabei helfen, das Puzzle zusammenzusetzen.
Sam Mendes guckt, was ihm angeboten wird, und macht etwas daraus - und Ang Lee weiß vorher schon genau, was er will?
Ja. Ang sagt immer, er hat nicht gerne zu viel Kontakt zu den Schauspielern, weil er eine Vorstellung von ihnen in seinem Kopf hat und fürchtet, diese nicht länger aufrechterhalten zu können, wenn er sie besser kennenlernt und vielleicht feststellt, daß sie ganz anders sind. Um den Film so machen zu können, wie er will, muß er sich seine Vorstellung bewahren. Sam dagegen will so gut wie alles über seine Schauspieler wissen, um das alles dann für seinen Film benutzen zu können.
Ang Lee hat in einem Interview gesagt, sein Rat an Sie sei es, auch mal zu vergessen, daß Sie spielen. Sie sollten sich nicht immer soviel Mühe geben, Sie seien zu klug, hat er gesagt. Sie würden zu sehr kämpfen, zu viel überlegen. Hat er recht?
Ich glaube ja. Ich glaube, jeder Schauspieler reift anders. Manche geben die besten Darstellungen ihres Lebens, wenn sie jung sind, weil sie nicht soviel nachdenken. Andere sind erst später gut, weil sie erst dann gelernt haben, mehr auf ihr Herz zu hören und weniger auf ihr Gehirn. Als ich jünger war, habe ich viel Zeit darauf verwandt, mich anzustrengen, es jedem recht zu machen, ich habe jede Situation genau durchdacht und mich dann auf eine bestimmte Art präsentiert. Nach meiner Erfahrung mit diesen beiden Regisseuren jetzt merke ich, daß ich nicht mehr ganz so angestrengt bin. Aber ich habe immer noch damit zu kämpfen.
"Brokeback Mountain" erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern. Haben Sie lange überlegen müssen, diesen Film zu machen?
Als ich das erste Mal von diesem Projekt gehört habe, war immer nur von diesem "schwulen Cowboyfilm" die Rede. Ich wollte nichts damit zu tun haben.
Ursprünglich sollte Gus Van Sant Regie führen.
Da waren viele im Gespräch. Ich war vielleicht sechzehn damals, ich wollte bestimmt nicht in einem schwulen Cowboyfilm spielen, das Thema hat mir angst gemacht. Und als dann Jahre später Ang Lee Regie führen sollte, dachte ich, oh, wow, da muß wohl irgendwas in diesem Film sein, das voller Menschlichkeit ist oder Güte, denn alle seine Filme erzählen davon. Also habe ich das Drehbuch gelesen, und ich fand es die schönste Geschichte, die ich überhaupt jemals gelesen hatte. Eine wahrhaftige aufrichtige Liebesgeschichte. Ich war damals gerade auf der Suche nach einer Liebesgeschichte - wenn es in dem Film um einen Mann und eine Frau gegangen wäre, hätte ich es auch gemacht, ich wollte eine Liebesgeschichte drehen, und so wie diese ist noch nie eine erzählt worden. Ich habe nicht zweimal darüber nachgedacht.
Wie war es für Sie, die Liebesszenen zum ersten Mal zu sehen?
Ich kann mir das nicht angucken.
Sie haben den Film selbst gar nicht gesehen?
Doch, doch. Es ist nur . . . Es ist schwer zu erklären . . . Wir beide, Heath und ich, haben den Film zusammen gesehen, und danach habe ich gesagt: Und, wie findest du es? Und er sagte, ich weiß nicht - und du? Und ich sagte, ich weiß nicht. Wir waren beide ein bißchen durcheinander. Aber wir sind beide sehr stolz darauf.
Die Dreharbeiten müssen für Sie ziemlich anstrengend gewesen sein - Sie hatten sich gerade von Ihrer Freundin, der Schauspielerin Kirsten Dunst, mit der Sie inzwischen wieder zusammen sind, getrennt; und Heath Ledger hat sich gleich am ersten Drehtag in die Schauspielerin verliebt, die seine Ehefrau spielt, Michelle Williams, die beiden sind inzwischen verheiratet.
Die letzten paar Jahre waren eine Zeit der Veränderung für mich, so ist das ja bei jedem mit Anfang Zwanzig. Ja, als ich "Brokeback Mountain" gedreht habe, hatte ich mich gerade getrennt und war dabei, sehr viele Dinge in meinem Leben zu klären. Und irgendwie war die Ironie an der Sache, daß ich eine Liebesgeschichte gespielt habe und in Wahrheit ziemlich alleine war - auch in "Jarhead" spielt die Freundin zu Hause, spielen die Gedanken an sie ja ein große Rolle -, und dann war da diese seltsame Parallelhandlung, daß Heath sich gerade verliebte und die beiden dann auch ziemlich schnell ein Kind erwarteten . . . Ich mache immer den Witz, daß Heath und ich Sex hatten und daraus ein Baby entstand. Diese Gefühle waren schon schmerzhaft damals, aber ich würde sie nicht missen wollen.
Im Moment drehen Sie mit David Fincher, dem Regisseur von "Seven". Ist das entspannter?
Nein. Er ist ein Visualist und ein Techniker, er dreht alles tausendmal und ist nie ganz zufrieden. Er läuft Marathon auf einer Sprintstrecke, vielleicht kann ich es so beschreiben. Ich habe ihn wirklich gerne, auch wenn er mich natürlich total mißbraucht. Aber das tun sie ja alle, jeder auf seine Art.
Das Interview führte Johanna Adorjan
„Jarhead”: ab 5. Januar im Kino.
Quelle: Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Feuilleton, 18. Dezember 2005Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/dpaweb

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02.05.2007 Galore von 2004 (!)
- drinnen ein feines und sehr interessantes Interview mit Jake, als er für die Premiere von "The Day After Tomorrow" in Berlin weilte.
Quelle: Galore & EMJ DANKE Yavanna :o)

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