"Schwule Cowboys gibt es nicht!"
"Schwule Cowboys gibt es nicht!"
Ein Besuch in Jackson Hole, dem Schauplatz des Films Brokeback Mountain
VON INGO HÜBNER
Ist ein Cowboy-Hut hier Pflicht? Schnell stellt sich der Fremde diese Frage bei der Ankunft auf Jacksons Flughafen in Wyoming, wenn er die Wartenden jenseits der Gepäckausgabe sieht. Die Jungs schauen aus, als wären sie einem Western entstiegen. Grobschlächtige Typen mit Staturen von mindestens Mittelgewichtsboxern. Den schwarzen Stetson in die Stirn gezogen, eingehüllt in schwere gewachste Jacken. Tatsächlich sind es aber die Fahrer der Shuttle-Busse in die Stadt. In Jackson, wie auch in ganz Wyoming, wird selbstverständlich immer noch mit aller Kraft am Mythos des Wilden Westens gestrickt. "Hallo Fremder, hier ist der Rest des alten Westens", grüßt ein Scherenschnitt-Cowboy von einer Holztafel auf der Straße nach Jackson. "Spielt Brokeback Mountain nicht in Wyoming?", fragt ein Mitfahrer unschuldig. "Ja", gibt Bill, der Fahrer, fast tonlos zurück, und spricht dann plötzlich vom Winterdienst, der wegen der Tiere kein Salz streuen darf. Bill mag das Film-Thema nicht. Unter der Hutkrempe legt sich sein geschorener Nacken in Falten.
Entgegen so mancher Erwartung hat die Geschichte der homosexuellen Cowboys in den USA keine öffentlichen Proteste oder sogar Boykottaufrufe provoziert. Nur ein einziges Kino im Mormonen-Staat Utah hat den Film nicht ins Programm genommen. Und sogar das stets auf die rechte Moral bedachte konservative "Culture and Family Institute" hält sich zurück. "Wir müssen dem Machwerk nicht noch mehr Aufmerksamkeit zollen, als es sowieso schon hat", sagt Direktor Robert Knight. In der Tat haben Letterman, Leno und Co. in ihren Talkshows schon ganze Arbeit geleistet, so dass es auf den Szene-Partys zum guten Ton gehört, über Brokeback Mountain zu reden. Das Filmzitat "I wish I knew how to quit you" ("Ich wünschte, ich wüsste, wie ich dich verlassen kann") ist zum geflügelten Wort geworden und hat gute Chancen zum Bestandteil der Popkultur zu avancieren.
Nicht so in Wyoming. Durch den Staat, dessen Autokennzeichen die Silhouette eines Rodeo reitenden Cowboys ziert, schwappte emotionaler Aufruhr wegen des Films. Auch wenn Intellektuelle das Phänomen gern auf Landeier reduzieren, die man hier als "rednecks" ("roter Nacken", der bei körperlicher Arbeit von der Sonne verbrannt wurde) bezeichnet, ist das Ganze nicht harmlos. 1998 war Wyoming in den Schlagzeilen, als in Laramie zwei Männer den 22-jährigen Studenten Matthew Shepard wegen seiner Homosexualität töteten. Nun sind solcherart oder rassistisch motivierte Morde in den USA noch nichts sehr Außergewöhnliches. Außergewöhnlich an dieser Tat aber war die Grausamkeit des Verbrechens. Nachdem die Männer Shepard mit einer großkalibrigen Pistole den Schädel eingeschlagen hatten, haben sie den leblosen Körper an den Pfosten eines Weidezauns gebunden. Der Vorfall hat damals Bestürzung im ganzen Land ausgelöst und eine Diskussion über die Stärkung der Rechte von Homosexuellen entfacht. Passiert ist seither nicht viel - im Gegenteil: Amnesty International kritisierte jüngst sogar die zunehmende Homophobie bei der Strafverfolgung. Brokeback Mountain hat die Diskussion wieder angeheizt, denn auch der Film enthält eine vage Anspielung auf den Mord. Doch Judy Shepard, die Mutter des Opfers, sagte vor kurzem der USA Today, sie bezweifle, dass Brokeback Mountain positive Effekte für Homosexuelle haben werde, weil die entscheidenden Leute Angst hätten, sich den Film überhaupt anzusehen.
In Jackson Hole muss man sich dann auch erst im klein gedruckten Kinoprogramm hinter der Scheibe des Kartenhäuschens vergewissern, dass Brokeback läuft. Die Leuchtreklame über dem Eingang verrät nichts davon. "Wir machen nicht groß Werbung für ein so kontroverses Thema", sagt der junge Mann an der Kasse. Außerdem sei Brokeback hier nicht unbedingt der Renner, das könne man sich ja denken, schiebt er hinterher. Wieso kontrovers? Ob man aus dem Ausland sei, will er jetzt erst mal wissen. Nach der Klärung der Herkunftsfrage wirkt er entspannter. "In einem anderen Ort hat man einem Kinobesitzer gedroht, das Kino abzubrennen, falls er den Streifen zeigt." Wo das war, das möchte der Mann lieber nicht sagen.
Neben der verbreiteten Homophobie sind im tief konservativen Wyoming nicht wenige der Überzeugung, dass Hollywood mit der Porträtierung schwuler Cowboys eine der letzten Ikonen Amerikas der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Im Amerika der Stereotype wiegt diese Vorstellung schwer: Man fühlt sich verraten im eigenen Land, vom eigenen Land.
CJ James zählt zu diesem Personenkreis und ist eine Frau. Ihr gehört der traditionsreiche Hutmacherladen Jackson Hole Hat Company. Nachdem CJ sich bei der Anprobe warm geredet hat, kommt sie zum Punkt: "Die Männer in Brokeback Mountain sind doch keine Cowboys, sondern Schafhirten. Jeder anständige Cowboy hätte die abgeknallt. Ich kann einfach nicht verstehen, wie uns Hollywood so etwas antun kann", dabei gestikuliert sie mit ihren Händen, die schwer beladen sind mit silbernen Cowboy-Hut-Ringen. Den Schafhirten könne man daran erkennen, dass sein Hut aus Wolle sei, der des Cowboys sei aus Biber-Fell. Und Cowboys und Schafhirten seien sich nie grün gewesen. Und dann sei der Film in Kanada gedreht und behauptet einfach, in Wyoming zu spielen. Was für eine Schmach! Jetzt ist CJ in Fahrt: "Schwule Cowboys gibt es nicht und hat es nicht gegeben", sagt sie mit Nachdruck. "Von mir aus macht jeder, was er will, aber Homosexualität ist mit der Bibel nicht vereinbar, und wir sind gute Christen, die täglich die Bibel lesen." Ihre zwei Mitarbeiterinnen haben sich mittlerweile unter ihre Hutkrempen zurückgezogen.
Den Beweis, dass es schwule Cowboys doch gibt, tritt Dean an, der aber um Schutz seiner Identität bittet. "Es ist nicht so, dass hier alle Schwulen-Hasser sind, aber man weiß nie so genau, mit wem man es zu tun hat", sagt er. "Seit Brokeback in den Kinos läuft, ist es nicht unbedingt einfacher geworden. Jetzt machen viele Leute zweideutige Witze." Verrückt sei das alles, da der Beruf des Cowboys eigentlich am Aussterben sei, weil immer mehr Rancher aufgeben würden. Und ausgerechnet ein Schwulen-Western bringt den Mythos zurück in aller Munde, erklärt Dean lächelnd.
Die findigen unter den Ranchern haben übrigens den Tourismus als Standbein entdeckt. "Da boomt besonders das Konzept der schwulenfreundlichen Ranch", sagt Lori Hogan von der Jackson Chamber of Commerce. Die Nachfrage ist jüngst derart gestiegen, dass sogar das Fremdenverkehrsamt Wyoming mit Angeboten reagiert hat.
Frankfurter Rundschau

