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Liebe als Duell

Auszug aus dem Paradies

Östlich vom Western

Östlich vom Western
Ang Lees epochaler "Brokeback Mountain" zeigt ein Genre wie zum ersten Mal
VON DANIEL KOTHENSCHULTE

Wie jede Begegnung im Leben haben auch Filme ein Erstes Mal. Das Ideal ist stets, ihnen unvoreingenommen zu begegnen, was in der Praxis selten gelingt. Wer eine Kritik wie diese vor einem geplanten Kinobesuch liest, tut dies auf eigene Verantwortung. Die Gefahr, sich um die eigene Überraschung zu bringen, ist gewaltig. Allerdings ist es, wenige Tage nach der Oscarverleihung, wohl unmöglich, nichts zu wissen über Brokeback Mountain. Kann man einen Film überhaupt noch unvorbereitet sehen?
Keine Angst, dieser Film besitzt keine Pointe, die sich verraten ließe und hat auch sonst keine Enthüllung zu fürchten. Als aber im letzten Jahr auf dem Festival von Venedig der Projektor die ersten Landschaften von Wyoming in das schwarze Nichts malte und die Anfangstakte der Filmmusik unmissverständlich erklärten, hier kommt ein Western, geschah etwas Bemerkenswertes. Das Versprechen der ersten Meter füllte den Saal mit froher Erwartung, wie immer wenn der letzte Film eines Genres etliche Jahre zurückliegt. Und obwohl der Gebrauch von Lastwagen die Spielzeit eindeutig ins spätere 20. Jahrhundert datierte, hörte Brokeback Mountain nicht auf, ein Western zu sein.
Keine Pin-up-Posen, kein Tabubruch
Zwei junge Männer, die sich kennen lernen, als sie für wenig Geld einwilligen, einen sonst vertrödelten Sommer lang Schafe zu hüten, werden Freunde. Dass es im lächerlich flatternden Zelt und bei schlechtem Konservenfraß nicht ganz dabei bleibt, ist keine Überraschung. Dass die beiden mehr für einander empfinden, als es ihre Art wäre, in Worte zu fassen, macht den Film nicht weniger zu einem Western. Ganz im Gegenteil: Man muss nicht besonders aufgeweckt sein, um Mutmaßungen über die erotischen Auslassungen klassischer Western anzustellen. Und während man sich noch fragt: Warum haben die beiden eigentlich keinen Sex? - haben sie ihn schon.

Auch das wäre vier Jahrzehnte nach Andy Warhols Lonesome Cowboys keine Überraschung, doch hier geschieht nichts, um ein Tabu brechen. Es gibt keine Pin-Up-Posen, die den Film einem Spezialpublikum ans Herz legen könnten. Die Entwicklung der Beziehung dieser Männer in eine heimliche Affäre geschieht organisch, aber so wenig selbstverständlich, wie es in der homophoben Provinz nun einmal der gewesen Fall wäre. Einer der Männer ist als Kind von seinem Vater an den Schauplatz eines homophoben Lynchmords gebracht worden, auf den dieser mächtig stolz war. Auch heute noch gibt es in einigen amerikanischen Bundesstaaten Gesetzte gegen Homosexualität.
Obwohl Ang Lees Inszenierung nichts tut, das diese Liebesgeschichte anders aussehen ließe, als eine heterosexuelle Affäre, die man über einen langen Zeitraum verfolgt, wählt er den Kontext sehr bewusst. Um den Effekt jener emotionalen Selbstverständlichkeit zu erreichen, die den Zuschauer vollkommen involviert, wählt er einen denkbar traditionellen Rahmen. Die Form seines Films ist der Western, allerdings in der Revision, der er vom New Hollywood der Zeit um 1970 unterzogen wurde.

Larry McMurtry, der Autor dieses Films und seiner Romanvorlage hat - gemeinsam mit Diana Ossana - das Drehbuch nach Annie Proulxs Kurzgeschichte Brokeback Mountain geschrieben. So wie Proulx die uramerikanische Form der Kurzgeschichte wählte, um diese Geschichte zu erzählen, entscheiden sich die Filmemacher für das Kinogenre "Spätwestern" als Wirkungskontext. Wie die progressive Folkrock- und Countryszene jener Zeit waren Filmemacher damals bestrebt, die tradierten Formen der amerikanischen Kultur den reaktionären Kräften zu entreißen, die sich ihrer bemächtigt hatten.Es ist kein Zufall, dass der Erfolg von Brokeback Mountain zusammen fällt mit der Johnny-Cash-Biographie Walk the Line.

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Es dauerte seine Zeit, bis auch der Mainstream verstanden hat, welch ein Rebell ein Mann wie Cash wirklich gewesen ist. Wenn die Bilderzählung von Brokeback Mountain bereits vorbei ist und die Leinwand sich zum Abspann verdunkelt, schickt sie Ang Lee noch einmal in Form eines Songs hinterher. Willie Nelson interpretiert Bob Dylans Ballade "He Was a Friend of Mine". Diesen Song zu wählen, in dem eine Männerfreundschaft betrauert wird wie eine Liebesbeziehung, trifft den Ton noch einmal ganz genau - und das in der dezentesten möglichen Form.
Ertasten von emotionalem Neuland
Der ganze Film ist getragen von einem einzigen Gefühl. Es ist moderner, Filme aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen wie es L.A. Crash tat, der nun stattdessen den Oscar als "Bester Film" gewonnen hat. Dabei ist es nicht allzu schwierig, zwischen einem halben Dutzend Geschichten hin- und herzuschneiden, die jeweils für zwanzig Minuten gut sind, um einen spannenden Film zu bekommen. Brokeback Mountain liebäugelt mit der Zeit, als Kurzgeschichten, die wie Annie Proulxs Vorlage in Zeitschriften wie dem New Yorker erschienen, zu Spielfilmen ausgebaut wurden. Der Filmautor reduziert hier nicht, er orchestriert das vorhandene in einer neuen Form, die im Idealfall keinen Unterschied mehr kennt zwischen Epos und Miniatur, Lyrik und Prosa. Das alles geschieht, um eine Einfachheit zu erhalten, die universell lesbar ist.

Dennoch ist dies kein altmodischer Film, denn einen Brokeback Mountain hat es nie gegeben. Das alte Hollywood hat sich zwar immer wieder mutig an ein solches Thema gewagt, aber nie in dieser Entschiedenheit. Es sind viele ähnliche Geschichten für ein schwules Kinopublikum erzählt worden, doch den Kontext konnten und wollten sie kaum überwinden.
Ang Lee ist niemand, der Zäune einreißt, aber er ist ein begnadeter Vermittler. Stets argumentiert er über den Weg der Empfindung. Brokeback Mountain gibt jedem ein Gefühl dafür, wie sich eine solche Liebe anfühlt und weckt schließlich eine so tiefe Wehmut nach etwas Ähnlichem, dass mancher sein eigenes Leben dabei in Frage stellt. Tatsächlich weckt er auch die Sehnsucht nach einem ähnlichen Kinoerlebnis.
Es gibt viele Gründe, warum dieser Film derart universell wirkt. Wie im alten Hollywood waren eine Menge Ausländer auf dem Set: Der mexikanische Kameramann Rodrigo Pietro ist mit seinen unverstellten Naturaufnahmen ohne jede äußere Ästhetisierung einer der wichtigsten Autoren dieses Films. Gleiches gilt für den argentinischen Komponisten Gustavo Santaolalla, der die äußere Einfachheit in asketische, von einer Countrygeige getragene Harmonien übertrug (dafür erhielt er jetzt einen Oscar). Wie ihr taiwanesischer Regisseur werden sie nie zuvor in Wyoming gewesen sein und können so die Erfahrung eines Naturraums allgemein vermitteln. Der Hauptdarsteller Heth Ledger ist Australier, sein Partner Jake Gyllenhaal kommt aus Kalifornien, auch sie tasten sich emotional in ein unbekanntes Land. So betreten wir es mit ihnen alle wie zum ersten Mal. Das Licht malt die Landschaft in das schwarze Nichts, die Musik gibt die Stimmung. Brokeback Mountain ist ein Film, so klar und unverstellt, als könne man Kino machen wie beim ersten Mal
Frankfurter Rundschau

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