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Homophobes Rodeo

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Frankfurter Rundschau

"Brokeback Mountain" oder: Nur schwule Cowboys werden siegen

VON SLAVOJ ZIZEK
Das war ja vorherzusehen: Der Umstand, dass Brokeback Mountain am 5. März nicht den Oscar in der Kategorie bester Film gewonnen hat, wurde in einigen Kreisen sofort als Ausdruck für die insgeheime Homophobie Hollywoods gebrandmarkt. Und der überwältigende Sieg von L.A. Crash, so lautet die hübsche Theorie weiter, verdanke sich allein dem schlechten Gewissen der Filmacademy, die anstatt für das schwule und allein deswegen überaus unpassende Westernepos nun zumindest für einen politisch korrekten, zumal antirassistischen und allein deswegen über jeden Zweifel erhabenen Film entscheiden wollte. Frei nach dem Motto, kritisch sei man schon, aber anecken wolle man auch nicht.
An dieser Theorie ist alles falsch. Zuallererst sollten wir uns darüber klar sein, dass Brokeback Mountain nur wenig mit unserer Gegenwart zu tun hat. Gezeigt wird eine tragische Romanze in einem doch schon einige Dekaden zurückliegenden Amerika. Einen liberalen, zumal großstädtischen Kinogänger heute wird die Liebesgeschichte zwischen zwei Männern kaum berühren, allenfalls wird er eine gewisse Genugtuung über einen längst gewonnenen Kampf verspüren: Der Film, den er sich ansieht, behandelt kein aktuelles Problem. Ganz im Gegensatz zu L.A. Crash, der sich ganz klar mit den drängenden Problemen unserer Zeit auseinander setzt.

Doch so schnell lassen sich die Bedenken nicht ausräumen: Haben wir denn tatsächlich schon die Schlacht gewonnen? Wurde Brokeback Mountain nicht von der christlichen Rechten vorgeworfen, das Ansehen einer ehrwürdigen amerikanischen Institution, der Cowboys, zu beschmutzen? Schwule Cowboys - gefährdet das nicht den american way life? Auch wenn es keine Aufrufe zum Boykott des Films gab, waren die Reaktionen auf Seiten der konservativ-christlichen Presse doch sehr aufgeregt. Robert Knight etwa, Direktor des mit Kultur und Familie befassten Instituts besorgter amerikanischer Frauen, behauptete, der Film pervertiere die herausragende Botschaft eines jeden Westerns, insofern sie "von wirklicher Brüderschaft kündet und frei ist von jedweder Sexualisierung". David Kupelian von World Net Daily klagte, Brokeback Mountain "vergewaltigt den Marlboro-Mann" und tue ansonsten nichts geringeres, als die "jüdisch-christlichen Werte, die für die Kultur des Westerns so grundlegend sind", zu beseitigen.
Militarisierte Gemeinschaften und ihr "schmutziges" Geheimnis
Auf derlei Vorhaltungen lässt sich eine schnelle Antwort geben: Die "Ethik" des Westerns ist fundamental antichristlich, denn sie ist eine Ethik der Rache und der Gewalt. Hier gilt gerade nicht, dass seine linke Wange hinhalten soll, dem zuvor auf seine rechte Wange geschlagen wurde, sondern das sprichwörtliche Auge um Auge, Zahn um Zahn; nicht mit Gottes Hilfe, sondern als Selbstjustiz. In seinem Buch The Quick and the Dead (Schneller als der Tod, verfilmt mit Sharon Stone, Gene Hackman, Russell Crowe und Leonardo DiCaprio) lässt Louis L'Amours seinen Helden Con Vallian die Westernethik mit diesen Worten auf den Punkt bringen: "Die Sanften und Zahmen haben westlich von Chicago nichts mehr zu melden." Kein Wunder also, dass gerade die Bellizisten in der Bush-Regierung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf die Attitüde des Westernhelden verfielen: "Räuchert sie aus!" - "Fangt sie, tot oder lebendig!"
Ein ganz anderes Thema ist allerdings der homoerotische Subtext fast eines jeden Westerns. Zumeist geht es hier um Männerbeziehungen und um die Herabsetzung (gerne auch Verniedlichung) von Frauen. Entscheidend ist, in diesem Sachverhalt nicht etwa eine subversive Pointe, vielleicht sogar eine besonders raffinierte Form des Widerstands gegen das herrschende "Patriarchat" oder das offizielle, nicht zuletzt christliche "Heterosexualitätsparadigma" zu sehen. Vielmehr erweist sich Homosexualität als entscheidender, integraler und vor allem integrierender Bestandteil der Western-Welt - wie überhaupt auch aller militärischen oder militarisierten Gemeinschaften.

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Erinnern wir uns nur an eine Regelung der Regierung Clinton. Sie versuchte das Problem zu lösen, wie mit homosexuellen Soldaten umzugehen sei, die man wegen ihrer sexuellen Präferenzen einerseits nicht in der Armee haben, andererseits aber auch nicht diskriminieren wollte. Die Lösung hieß seinerzeit: Die Soldaten werden nicht gefragt und müssen also auch nicht - gegebenenfalls - lügen oder abstreiten; ihre Sexualität bleibt Privatsache und wird insofern toleriert. Diese Regelung erschien einigen als überaus verlogen, denn sie erhielt die homophobe Attitüde aufrecht - so ähnlich wie auch in erzkatholischen Ländern die Prostitution zwar verurteilt, aber zugleich stillschweigend geduldet wird. Kurzum: Probleme werden nicht gelöst, indem man nicht mehr über sie spricht. Diese Kritik aber geht ins Leere, denn sie verkennt den sozialen Sinn der Bigotterie. Stellen wir uns nur eine vielleicht etwas naiv anmutende Frage: Warum wehrt sich die Armee so sehr dagegen, sich vor aller Öffentlichkeit zu ihren homosexuellen Soldaten zu bekennen? Nur eine Antwort ist hier plausibel: Sie wehrt sich nicht deswegen, weil sie befürchtet, dass Homosexuelle die "phallische und patriarchale Ordnung" unterwandern und auflösen würden, sondern weil zur libidinösen Ordnung der Armee gehört, auch noch den leisesten Verdacht homosexueller Tendenzen in Abrede zu stellen oder - deklamatorisch - im Keime zu ersticken, um den innigen Männerbund ja nicht zu stören. Die Männer sollen unbelastet und unangefochten unter sich sein können.
Wie sollte ein Film heute mit dem Thema Homosexualität umgehen?
Während meines Militärdienstes 1975 machte ich entsprechende Erfahrungen in der Jugoslawischen Volksarmee. Sie war ein in extremer Weise homophober Männerbund; sobald jemand als schwul "entlarvt" wurde, musste er mit Misshandlungen rechnen, er galt schlicht als Unperson und wurde schnellstmöglich aus der Armee entlassen. Andererseits waren anzügliche Neckereien unter den Soldaten an der Tagesordnung. Wenn wir beispielsweise in der Kantine anstanden, gehörte es zu den lässlichen Witzen, dass der Hintermann seinem Vordermann den Finger erst ins Gesäß steckte und dann sofort wieder zurückzog, um ganz unschuldig-unbeteiligt zu tun. Der überraschte Vordermann drehte sich um, doch wusste er nicht, wer von seinen Kameraden hinter ihm "das" war. Die nämlich grinsten und feixten nur. Oder ein anderes Beispiel: Die vorherrschende Form, seinen Kameraden zu grüßen, war nicht etwa ein harmlos-freundliches "Hallo!", sondern ein deutliches "Lutsch' meinen Schwanz!" (Pusi kurac! im Serbo-Kroatischen). Diese Redewendung war uns so sehr zur Gewohnheit geworden, dass sie jede obszöne Bedeutung verloren hatte. Sie galt uns als vollkommen selbstverständlich und somit als reiner Akt der Höflichkeit.
Der überaus zerbrechliche Zusammenhang zwischen gewalttätiger Homophobie und untergründiger Homosexualität ist konstitutiv für die libidinöse Ordnung einer militärischen Gemeinschaft und kann nur durch seine Leugnung aufrecht erhalten werden. Nach außen hin stellt sie sich als straff organisierte, selbstdisziplinierte und gleichförmige Ordnung dar, in ihrem Inneren aber sorgt eine andere Ökonomie für den strikten Zusammenhalt - als schweißte alle Soldaten ihr kleines "schmutziges Geheimnis" zusammen. So in etwa funktionierte das auch im Wahlkampf des konservativen Populisten Jesse Helmes, der sich in seinen Reden mit sexistischen und rassistischen Äußerung zwar zurückhielt, der aber seinen Ressentiments für alle vernehmbar "zwischen den Zeilen" freien Lauf ließ.

Doch kommen wir auf Brokeback Mountain zurück. Andrew Longman, berühmt-berüchtigter Kolumnist des konservativen Renew America-Forums urteilte gegen den Film: "Man kann den Kampf gegen die Islamisten nicht mit schwulen Cowboys gewinnen." Longman irrt an dieser Stelle ganz gewaltig. Zum einen, weil die Soldaten, die den Islamismus in Irak oder sonstwo bekämpfen, allesamt "schwule Cowboys" sind, insofern sie ihren Gruppenidentität einer homosexuell unterlegten Männerbündelei verdanken (von der überragenden Bedeutung homoerotischer Beziehungen in muslimischen Gesellschaften einmal ganz zu schweigen). Zum anderen irrt Longman, weil man den militanten Islamismus mit "schwulen Cowboys" bekämpfen muss: Nur so kommt seine insgeheime und von ihm gleichfalls unterdrückte männerbündelnde "Erotik" zum Vorschein.
Wie also sollte ein Film heute mit dem Thema Homosexualität umgehen? In diesem Zusammenhang kann Capote als positives Gegenbeispiel zu Brokeback Mountain in Anschlag gebracht werden. Wer diese beiden Filme unter der Rubrik "schwul" zusammenfasst, verfehlt die eigentliche Pointe: Denn während Brokeback Mountain uns die tragische Geschichte einer homosexuellen Beziehung in einer feindseligen, eben homophoben Gesellschaft erzählt, handelt Capote von einem Schriftsteller, der, neben vielen anderen Eigenschaften, eben auch schwul ist. Müssen wir nicht darin den eigentlichen Sieg der Schwulen-Bewegung sehen? Denn wir haben es mit einem Helden zu tun, dessen sexuelle Präferenzen nicht den ganzen Charakter dominieren.

Aus dem Englischen: Christian Schlüter

Unser Autor
Slavoj Zizek ist Professor für Philosophie an der Universität Ljubljana, Slowenien. Mit seinen zahlreichen Arbeiten im Grenzbereich zwischen Philosophie und Psychoanalyse hat er internationale Aufmerksamkeit erlangt.
Zuletzt ist vom ihm erschienen: "Die politische Suspension des Ethischen" und "Körperlose Organe", beide im Suhrkamp Verlag. schl

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