Das Herz unterm Hut
Das Herz unterm Hut
V:Tobis Film, USA 2005, R: Ang Lee, D: Jake Gyllenhaal, Heath Ledger, Anne Hathaway u.a.
Ang Lee demontiert einen amerikanischen Mythos und zeichnet die wohl mächtigste Liebesgeschichte dieses Kinojahres.
Drama (tsch) "Brokeback Mountain" ist ein Film, den nur Ang Lee machen konnte. Er ist eine Gratwanderung: Der Cowboy, das uramerikanische Thema, wird entweiht. Der toughe Viehtreiber schürt Feuer, isst Bohnen und raucht, während er tut, was ein Mann tun muss. Bei Ang Lee verliebt er sich in seinen Mitstreiter. Eine tieftraurige, zum Scheitern verurteilte Geschichte. Der dramatischste Film dieses Jahres, sicher auch der mutigste und vielleicht sogar der wichtigste, weil er Grenzen überschreitet und das ganz große Epos ins Kino zurückholt.
Der Film entstand auf der Grundlage einer Kurzgeschichte von Pulitzer-Preisträgerin Annie Proulx. Jeder, der sie las, hatte Tränen in den Augen. So wurde der Artikel aus dem "New Yorker" weitergereicht, bis er an den nächsten Träger dieser Auszeichnung gelangte, an Larry McMurtry ("Zeit der Zärtlichkeit"), der ihn zusammen mit Diana Ossana zum Drehbuch ausarbeitete.
In Hollywood wusste man um dieses große unverfilmte Skript und blieb bewundernd auf Distanz. Man brauchte mutige Schauspieler und einen Regisseur, der sich nicht einschüchtern lässt. Doch vor allem brauchte man Geld. Sieben Jahre suchte Diana Ossana nach Mitproduzenten. "Ich glaube, ich war eher von der Tatsache frustriert, dass sich die Leute nicht wirklich darauf einlassen wollten. Sie lasen es, liebten es, schwankten und quälten sich mit einer Entscheidung - und dann kam irgendwas, das ihnen mehr Geld brachte, und sie ließen den Film fallen."
Die Zeit heilt nicht nur Wunden, sie hat in diesem Fall sogar Gutes getan. Ang Lee wusste inzwischen, dass er den Film nicht mehr aus dem Kopf bekommen und es für den Rest seines Lebens bereuen würde, ließe er ihn los. Jake Gyllenhaal war vor Jahren, als er schon einmal mit einem Regisseur über die Story gesprochen hatte, noch zu jung für die Rolle. Als es dann ernst wurde, war er reif genug. Jetzt, da "Brokeback Mountain" in die Kinos kommt und vermutlich ein solides Einspielergebnis liefern wird, kann man nicht umhin, sich die Träne aus dem Auge zu wischen und Genugtuung zu empfinden für die Odyssee vor und hinter der Kamera.
Diese Vorgeschichte ist wichtig, weil sie das Epos um große Geheimnisse, die über einen Zeitraum von 20 Jahren beobachtet werden, ins rechte Licht rückt. Die bloße Erklärung, dass sich zwei Cowboys ineinander verlieben und das im Wyoming der 60er-Jahre nicht möglich war, dürfte nicht mehr als ein Schulterzucken oder dämliches Kichern hervorrufen.
Doch dann lernen wir sie kennen, den jungen Farmer Ennis del Mar (Heath Ledger) und Rodeoreiter Jack Twist (Jake Gyllenhaal), wie sie sich um einen Saisonjob bewerben und ohne viel Worte zum Team werden. Ang Lee, der Exot und Visionär, vertraute auf junge Schauspieler, "denn sie glauben an das, was sie tun".
Seiner sicheren Hand ist es zu verdanken, dass sie mit ihren Cowboyhüten nicht peinlich wirken, sich stattdessen recht selbstverständlich in diese weite Landschaft einfügen.
Ennis bedeutet Insel, und eine bessere Charakterisierung gibt es für den Mann nicht, der da oben auf dem Brokeback Mountain den Sommer über Schafe hütet, um weiter an seiner Autarkie zu arbeiten. Er möchte eine Ranch kaufen und heiraten. Für eine solche Menge an Information über sich benötigt Ennis Tage. Dennoch herrscht in den Bergen keine eisige Stille, sondern ein trockener Humor, abgeklärt, aber Vertrauen fördernd. So wird das Eis, dann das Herz gebrochen.
Man redet, schweigt, staunt und kann sich mit einem Blick in die Weite der Landschaft besinnen, was hier eigentlich passiert. Bevor man zurückkehrt in diese Gesichter, die Geborgenheit zeigen und verheimlichen. Doch man erkennt schon in der Art des Kauens die Zufriedenheit und in einer winzigen Veränderung der Stirnfalte ein Lächeln.
Für einen Schwulen-Film ist "Brokeback Mountain" zu universell. Ang Lee huldigt der Liebe, wenngleich er auch keinen Ausweg findet. 20 Jahre treffen sich die beiden Männer heimlich auf diesem Berg und leben unten in der Stadt ihr anständiges Leben. Weil den Film auch der Schmerz anderer Leute - schließlich lebt keiner von beiden isoliert - interessiert, bleibt er unkitschig. Ang Lee hat hart gearbeitet, ging budgetmäßig zurück zu seinen Anfangstagen und hat so die Liebe zum Kino neu gelernt. Jeder, der bei den Dreharbeiten auch nur ein Schaf beruhigt hat, darf sicher sein, Teil von etwas ganz Großem gewesen zu sein.
Mit all diesen Wenns und Abers, mit all den Stürmen im Gesicht entstand ein sensibles Meisterwerk, in dem Heath Ledger Aggression spürbar macht, wie lange keiner mehr. Er richtet sie vorwiegend gegen sich selbst, auf verstörende, berührende Weise, während der scheinbar naivere Jack Twist der sanfte Rebell ist, mutiger, jederzeit bereit, sich vom Rücken der Gesellschaft abwerfen zu lassen und sich das Genick zu brechen.
Warum das alles so groß ist? Weil man keinen Einwand anbringen kann, wie doch alles hätte anders ausgehen können. Den Satz von Ennis für die Ewigkeit vergisst man nie mehr: "Wenn du es nicht ändern kannst, musst du es aushalten."
© teleschau - der mediendienst Claudia Nitsche

