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"Schwule Cowboys gibt es nicht!"

Das Herz unterm Hut

Cineastisches Schäferstündchen

Cineastisches Schäferstündchen
Unter einem Schäferstündchen hat sicherlich jeder so seine Vorstellungen. Zur Zeit läuft im Kino ein Film, der ein solches im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne herzergreifend darstellt. Bemängelt, bejubelt, oscargeadelt - Brokeback Mountain.
Am Anfang war das Nichts! Als Nichts würde ich einen Movie-Trailer nicht bezeichnen wollen. Er sagt eben nur nicht viel über einen Film. Der Trailer zu Brokeback Mountain erzeugte bei mir lediglich Skepsis und Zurückhaltung. Schwulenprobleme als Unterhaltungsfilm - schwer vorstellbar!
Ehre, wem Ehre gebührt! Und dann dreht sich das Oscar-Karussell. Aus der Erfahrung heraus muss mir ein Oscar-gekrönter Film nicht gefallen. Manchmal frage ich mich sogar, was den Oscar denn nun Wert war. Trotzdem alle Achtung - immerhin gleich acht Nominierungen für diesen Film. Nicht zu vergessen die vier Golden Globes und ein Goldener Löwe.
Keiner werfe den ersten Stein! Als nächstes stößt man in der TA auf die Filmkritik. Da saußen einem die Steine nur so um die Ohren. So toll sei der Film ja nun wirklich nicht. Die Problematik ist altbacken. Immerhin gibt es schon zahlreiche Schwulenfilme. Neu sei der Angriff auf die Cowboy-Szene, das sauberer-männlicher-Mann-Image des Amerikaners. Und die Zeit - 1963. Ach ja, nicht zu vergessen die gewaltigen Naturaufnahmen. Eben ein Naturfilm, in dem zwei Männer Schafe hüten und Angeln gehen. Die Kritik hätte fast zu einem deutschen Heimatfilm gepasst - Hannes Hesters und Luis Trenker in Almauftrieb.
Widerspruch ist Triebkraft der Gesellschaft! Der Widerspruch zwischen Hollywood-Lob und Kritikertadel - und natürlich ureigene Instinkte wie Neugier - treiben mich und ein gut Teil Gesellschaftsrest ins Kino. Ein besinnlicher Anfang, der Anfang einer Ballade. Aus einem Pickup auf der Straße eines in Wyoming verloren gegangenen Nestes steigt ein Urtyp von Cowboy, lediglich eine Papiertüte in der Hand. Heath Ledger - ein Typ zum Verlieben! - spielt den wortkargen, zurückhaltenden Ennis, der vor einem Kabuff von Office auf wen auch immer wartet. Knatternd kündigt sich der zweite Protagonist an. Ein Auto schafft es gerade so bis vor das Office. Aus ihm steigt Jack, gespielt von Jake Gyllenhaal. Er wirft taxierende Blicke - aus mit herrlichen Wimpern umgebenen Augen - auf den Kerl der da wartet.
Das Spiel nimmt seinen Lauf! Die Jungs ziehen mit den Schafen auf den Brokeback Mountain und erledigen ihren Job. Langsam baut sich in der Einsamkeit der Wälder zwischen den Cowboys eine Männerbeziehung auf, die trotz gelegentlicher Zuneigungsbezeugung distanziert bleibt. Bis sich eines Abends, auch Dank der Umstände, alle Zurückhaltung in einer stürmischen Liebesnacht entlädt. Ennis ist am nächsten Morgen betroffen, schockiert, irritiert und zieht sich wieder in sich zurück. Geduld ist nicht Jacks Stärke aber er ist verständnisvoll und wartet. Das Warten ist nur kurz und lohnt sich - für beide.
Alles hat ein Ende! Die Beziehung endet mit dem Job. Beide gehen die Trennung auf ihre eigene Weise an, beiden fällt sie unheimlich schwer und beide geben sich cowboymäßig cool. Bis sie aus dem Blick der Öffentlichkeit sind, im Auto oder in einem Gang zwischen zwei Häusern. Nun bricht sich der Schmerz mit aller Macht seine Bahn.
Jedes Ende ist ein Anfang! Ehe, Kinder - bürgerliche, amerikanische Musterfamilien. Oder doch nicht? Nach vier Jahren treffen sie sich wieder, und wieder und .... Und das ist für mich der eigentliche Film - wie diese zwei Seelen ihr Himmelreich auf Erden einrichten und wie sie immer wieder in die alltägliche Hölle zurückkehren.
Ein Junge weint nicht, ein Junge beisst, sich auf die Zunge auch wenn das Herz reißt! Man verlernt viel zu schnell das Weinen. Meine Zunge ist wohl schon zerbissen und mein Herz zerfetzt. Der Film hat mich tief, wahnsinnig tief bewegt. Und so gehe ich, wie die Protagonisten, erst aus der Öffentlichkeit, bevor ich mir Tränen erlaube. Nicht über den Film sondern über die Parallelen zu meinem eigenen Leben.
Brokeback Mountain ist für mich ein wundervoller Film über eine tiefe Liebe mit erstklassiger Besetzung in beeindruckender Kulisse. Ein Drama voller Leidenschaft und Traurigkeit. Und ein Film, der endlich einmal wieder sein Geld Wert ist. Nur allein, allein sollt man ihn sich nicht ansehen. Ohne das Gefühl einer starken Schulter an der Seite wäre das Ende um so erdrückender.
Jens 16.03.2006 für Gay Thüringen

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