Auszug aus dem Paradies
Auszug aus dem Paradies: „Brokeback Mountain”
Von Verena Lueken / Frankfurter Allgemeine
08. März 2006 Seit Herbst vergangenen Jahres wußte jeder, daß „Brokeback Mountain” von Ang Lee einer der Filme des Jahres werden würde. Über kein anderes Werk wurde von so unterschiedlichen Standpunkten aus diskutiert, kein anderer Film wurde ähnlich einstimmig gepriesen, keiner hat mehr Auszeichnungen eingesammelt, darunter nun auch drei Oscars, kein anderer ist so häufig Material für Karikaturisten und Satiriker geworden.
Obwohl „Brokeback Mountain” erst jetzt in unsere Kinos kommt, hat auf diese Weise jeder schon so viel von ihm gehört, als hätte er ihn bereits gesehen. Das ist natürlich eine Täuschung, und wie groß sie ist, wird erleben, wer mit all den Vorinformationen nun selbst ins Kino geht und das sieht, was er vielleicht schon weiß, aber noch nicht kennt.
Eine kleine Bewegung
Der Anfang ist so träge wie in „Spiel mir das Lied vom Tod”. Staub weht über die leere Landschaft, ein junger Mann steigt aus einem Bus, geht zu einer Baracke, die verschlossen ist, lehnt sich an die Wand und wartet, den hellen Hut tief ins Gesicht gezogen. Dann fährt ein uralter Pick-up-Truck vor, dessen Motor röchelt wie ein alter Cowboy nach betrunkenen Nächten im Saloon. Ein junger Mann mit dunklem Hut steigt aus, grüßt den anderen, der langsam hochblickt, und macht dann eine kleine Bewegung, wie sie im Western von Männern nicht häufig zu sehen ist. Er lehnt sich gegen die Ladefläche seines Wagens, stützt die Hand in die Seite und schiebt die Hüfte ein wenig heraus, kokett vielleicht, aber auch zu deuten als eine Art Strecken nach langer Fahrt. Er lächelt. Mehr geschieht für viele Minuten nicht.
Die beiden suchen Arbeit, und irgendwann kommt ein Mann, der Arbeit zu vergeben hat: Schafe hüten in den Bergen, sie vor Wilderern und wilden Tieren schützen. Eine Stelle für einen Sommer, der in den Bergen von Wyoming sehr kalt sein kann. Eine Aufgabe von so monströser Langeweile, daß irgend etwas geschehen muß. Jeder weiß natürlich, daß es nicht das Wildern an einem Schaf und nicht allein der Schneefall im August sein wird, der die beiden eines Tages überrascht.
Immer neue grandiose Ansichten
Aber zunächst geschieht nicht mehr, als daß Ennis Del Mar, der Mann mit dem hellen Hut, und Jack Twist, der mit dem dunklen, durch die Ebene reiten, an einem Fluß entlang, durch steiniges Gelände und dann steil hinauf unter wolkenverhangenem Himmel in die Berge. Ang Lee liebt diese Landschaftsaufnahmen, und seine Kamera fährt in ruhigen Bewegungen über sie hinweg und findet immer neue grandiose Ansichten. Man kann das eine Idylle nennen oder eine Hommage an all die großartigen Western, die in solcher Landschaft spielten, oder auch nur den langsamen Vorlauf einer Geschichte, in der nichts in Eile geschieht. Fast nichts.
Am Brokeback Mountain finden Ennis und Jack die Schafe und machen Quartier. Immer noch hängt der Film in den Naturansichten herum und betrachtet seine Protagonisten mit derselben Schüchternheit, mit der die beiden einander begegnen. Einmal kommt ein Bär und erschreckt die Maultiere, einmal ein Bote aus dem Tal, der eine Einkaufsliste abholt, einmal versucht Jack, eine Hyäne zu erlegen, und schießt daneben. Nach großen Schlucken Whiskey beginnt Ennis eines Abends zu sprechen. Nicht lang, nicht viel, aber immerhin. „Alter Sünder”, sagt Jack, weil ihm nichts anderes einfällt und ohne Bezug auf Ennis' Erzählung, und Ennis antwortet: „Du bist vielleicht ein Sünder, aber ich hatte keine Gelegenheit”, und das war's dann wieder für eine Zeit, in der Ennis zum Beispiel sein Hemd im Fluß wäscht und Jack zu ihm hinüberschielen will, aber nur den Mund zusammenkneift, als hielte er damit die Augen im Zaum.
Fast unschuldige Eruption
Eines Abends, beide sind betrunken, und draußen ist es kalt, kommt Ennis in Jacks Zelt, und so schnell, wie bis dahin noch nichts geschah in diesem Film, werden Gürtel gelöst, Arme umeinander geworfen, Münder ineinander versenkt, Lenden gegeneinander gepreßt. Wir glauben die Leidenschaft in ihrer fast unschuldigen Eruption sofort, weniger allerdings, daß diese Nacht einmalig bleiben soll, wie die beiden einander versichern, obwohl sie es besser wissen. Es folgt eine glückliche Zeit. Aber nach der Nacht im Zelt sieht die Landschaft nicht mehr so paradiesisch aus wie am Anfang, es wird Herbst, der Himmel eng, Arkadien verschwindet. Ein Cowboypaar in Wyoming im Jahr 1963 hat keine Chance. Als der Sommer vorbei ist, trennen sie sich. Jack schlägt gegen eine Wand, bekämpft Schmerz mit Schmerz. Ennis schweigt. Von da an werden sie einander nur noch wenige Male zu Angelausflügen treffen, auf ein paar gemeinsame Wochen am Brokeback Mountain, verbunden mit Lügen ihren Frauen gegenüber, denn beide heiraten, gründen Familien.
Jake Gyllenhaal spielt Jack, der draufgängerischer ist als Ennis, drängender und wagemutiger, und während die Jahre vergehen, in denen er ein Rodeogirl findet und nach Texas zieht, er etwas schwerer wird, einen Schnurrbart und längere Koteletten trägt, hält er doch daran fest, daß es irgendwo ein Leben für ihn und Ennis geben muß, ein gemeinsames. Gyllenhaal spielt das zurückhaltend, bescheiden fast, aber wir sehen in seinem Gesicht auch, daß er etwas weiß, das sich am Ende furchtbar bestätigen wird und das er zurückdrängt, damit niemand es erkennt.
Doch es ist Heath Ledger in der Rolle des schweigsamen Ennis, der den Film mit seiner ernsten Art beherrscht. Wie er seine Liebe zu Jack in sich verschließt und lange versucht, seine Familie vor sich selbst zu schützen; mit welch existentieller Gier er nach Jahren ohne Lebenszeichen von Jack diesen, als er endlich auftaucht, vom Hof in eine Seitengasse zieht, wo seine Frau sie nicht sehen kann; wie er Rotz und Wasser heult, weil sie keine Zukunft haben, und wie er gleichzeitig den traurigsten Satz des Jahres sagt - „If you can't fix it, Jack, you gotta stand it” - und wie er am Ende mit zwei blutigen Hemden und einer Postkarte in einem Wohnwagen steht und auf die Berge blickt - das ist von so unendlicher Sehnsucht und so fern jeder Attitüde, daß es alle Preise verdient, die Ledger für diese Rolle gewonnen hat, auch wenn kein Oscar dabei war. Vieles über einen Film zu wissen hat selten so wenig ersetzt, selber zu schauen, wie hier.
Text: F.A.Z., 07.03.2006, Nr. 56 / Seite 35
Wer dreht schon in Wyoming?
ERSTELLT 14.03.06, 07:03h
Oscar-Gewinner Ang Lee über seinen Film "Brokeback Mountain": Mit dem taiwanesischen Regisseur sprach Marli Feldvoß.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: „ Brokeback Mountain“ ist eine Literaturverfilmung nach einer Erzählung von Annie Proulx, Ihr Film fühlt sich trotzdem sehr dokumentarisch an.
ANG LEE: Das hat zwei Gründe. Ich brauche das realistische Detail, um diese für uns so schwer verständliche Welt glaubwürdig zu machen. Man musste deshalb streng dokumentarisch arbeiten und durfte sich nicht allzu sehr vom Kinogenre des Western beeinflussen lassen. Der andere Grund ist der Stil. Es musste einfach bleiben, schon wegen des niedrigen Budgets. Das sieht dann so aus, als hätte ich überhaupt nichts zu tun; in Wirklichkeit ist das besonders schwierig. Ich musste Jahr um Jahr das Älterwerden der beiden Protagonisten dokumentieren. Normalerweise schneidet man einfach eine Szene heraus, wenn sie nicht gefällt. Wenn man aber hier anfängt, etwas herauszuschneiden, fehlen gleich fünf oder zehn Jahre.
Sie haben das Schwulenthema schon einmal in „The Wedding Banquet“ (1993) aufgegriffen.
LEE: Stimmt, aber das sind für mich doch sehr unterschiedliche Filme. Das eine war ein Familiendrama, ein sehr asiatisches Genre, und das hier ist ein Liebesfilm. Das erste Mal ging es mir gar nicht um Sex, sondern um die patriarchale Gesellschaft. Aber dieses Mal geht's um den angstbesetzten Teil. Das ist ja eine richtige schwule Biografie.
Warum hat es so lange gedauert, bis der Film endlich gedreht wurde?
LEE: Acht, neun Jahre. Das hatte natürlich mit dem Thema und dem Budget zu tun. Das ist keine typische Low-Budget-Story. Sie läuft über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, spielt an vielen Schauplätzen - dafür benötigt man viel Drehzeit. Außerdem gilt Wyoming als Niemandsland. Wer dreht schon in Wyoming?
Und das schwule Thema?
LEE: Man kann heute jedes Thema verfilmen. Es ist nur eine Frage des Budgets. Obwohl es in den Staaten noch immer mehr Vorbehalte als anderswo gibt. „The Wedding Banquet“ wurde dort erst ab 18 Jahren freigegeben. In Asien war es wohl der erste Männerkuss der Filmgeschichte. In Taiwan geht man heute mit solchen Themen jedoch viel offener um als in den Staaten.
Sie bezeichnen den Film als „Great American Lovestory“. Was meinen Sie damit?
LEE: Ich meine den Westen. Das Herz Amerikas liegt nicht an seinen Küsten, sondern in der Mitte. Daher auch der Western als Gründungsmythos. Dort in der Mitte wurden die Fundamente gelegt. Dort war all das Elend, die Härte, das Schweigen. Es ging um Unabhängigkeit und Gewalt. Amerika ist eine zutiefst gewalttätige Nation. Das vergessen wir gern. Ich jedenfalls.
War es schwer, die richtigen Schauspieler zu finden?
LEE: Nein, Heath Ledger und Jake Gyllenhaal gehören für mich zu den derzeit besten Nachwuchsschauspielern. Ich musste mir nur selbst darüber klar werden, ob ich so junge Schauspieler einsetzen wollte. Das Alter kann man mit Hilfe von Make-up ganz gut hinkriegen, jugendliche Unschuld und die innere Einstellung schon weniger. Das kann bei älteren Darstellern zum Problem werden.
War es entspannend für Sie, nach Großproduktionen wie „The Hulk“ und „Crouching Tiger“ einen kleinen, intimen Film zu drehen?
LEE: Unbedingt. Ich war nach jenen Filmen völlig erschöpft. Aber wenn ich nicht drehe, werde ich depressiv, weiß nichts mit mir anzufangen. Ich schau mir auch nie meine eigenen Filme an. Als dann „Brokeback Mountain“ zu haben war, habe ich es eben gewagt. Obwohl ich nicht so genau wusste, ob ich mit dem Thema mental klar kommen würde.
Liegt Ihnen so eine Arbeit mehr als das Effekte-Kino?
LEE: Kann ich nicht sagen. Auch „Hulk“ war für mich ein sehr tief gehender, sehr persönlicher Film. Ich war allerdings noch nie so glücklich wie bei den Dreharbeiten zu „Brokeback Mountain“. Ich war entspannt, wollte es genießen: das niedrige Budget, die heruntergeschraubten Erwartungen, das wenige Aufheben.
Worin unterscheidet sich ein historischer von einem Gegenwartsfilm?
LEE: Es ist vielleicht leichter. Wenn eine gewisse Zeit vergangen ist, ist man weniger voreingenommen. Die Bilder setzen sich, man kann einen Effekt benutzen, um eine Geschichte zu erzählen. Wenn der Film in der Gegenwart spielt, steht man im Nebel, alles ist noch im Fluss. Zwei Jahre später sagst du dir: Da hast du aber danebengelegen. Distanz hilft.
Gab es fotografische Vorbilder?
LEE: Für die Berge orientierten wir uns an der Fotografie von Ansel Adams, für die Städte schauten wir uns diese alten Schmuddel-Fotos aus dem Westen an. Meine Devise war: einen historischen Film an einem zeitlosen Ort zu drehen. Aber eigentlich finde ich den Westen exzentrisch. Wenn man da in eine Bar geht, sieht man die sonderbarsten Dinge: Jagdtrophäen, Sammelstücke, unvorstellbar, was die Leute da so sammeln. Es sind nicht die Revolverhelden, die Saloons, der Whiskey. Es ist ganz anders.
Quelle:(KStA)Kölner Stadt Anzeiger

