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Source Code

Source Code in Berlin

Source Code Filmrezensionen

Erste "SC" Filmkritiken:
Es gibt einige Reviews zu "Source Code", und die Kritiken sind gar nicht mal so übel. So schreibt Shadowlocked.com:
"Der Film ist ein cleverer Techno-Thriller. Groteske und tragische Offenbarungen werden gemacht, die interessante Fragen über Freiheit, Verantwortung und Moral aufwerfen. Der Film enthält tolle dunkle Wendungen. Sogar das Ende - auf dem ersten Blick kitschig und sentimental - ist doch subtil grausam und schlau zweideutig."
Wir dürfen also gespannt sein, was uns erwarten wird.Ich denke, es reicht, um Lust auf den Film zu machen. Quelle: shadowlocked.com
Positiv: Jake Gyllenhaals Darstellung und die geschickte Regie von Duncan Jones schafften es, den Film in der Spur zu halten wie auch das Publikum. Es wird sehr wenig erklärt, wie der *Source Code* eigentlich funktioniert, was es dem Publikum erlaubt sich mehr auf die Handlung zu konzentrieren und nicht auf technische Sci-Fi Aspekte oder wie es wirklich funktionieren könnte. Die ersten 8 Minuten wiederholen sich immer wieder, was dazu hätte führen können, dass es für das Publikum langweilig wird, aber das wurde dadurch verhindert, dass sie Szenen variieren. Die meiste Zeit spielt der Film in einem Zug - Duncan Jones ist dafür bekannt, die Drehorte auf ein Minimum zu begrenzen.
Negativ: Es gibt keinen Film ohne Mängel, also ist auch dieser Film nicht frei davon. Verraten wird nichts, nur dass dem Verfasser dieser Filmkritik das Ende des Films und die vorherbare Romanze zwischen Jake Gyllenhaal und Michelle Monaghan nicht so ganz zusagten. Nicht, dass es den Film ruinieren würde, aber es gibt nun mal Unterschiede zwischen "Ende" und "Hollywood Ende". Und manchmal schwankt auch die Logik im Film etwas. Fazit: "Source Code" ist ein provozierender Thriller. Quelle: The Movie Pool / Dank an Tina

Kirsten Kieninger von KinoZeit:

Und täglich grüßt das Spiel mit der Realität

Die Erwartungen derer, die Duncan Jones preisgekrönten Erstling Moon (2009) gesehen haben, waren hoch gesteckt. Hat er sich damit doch als kreativer und technisch versierter Macher von intelligentem Science-Fiction empfohlen, der auch mit einem minimalen Budget hochklassige Arbeit abliefert. Dieser Ruf ist ihm schnell nach Hollywood vorausgeeilt. Beeindruckt darüber, was Hauptdarsteller Sam Rockwell in Moon unter Jones Regie an Schauspielkunst zeigen konnte, hat Jake Gyllenhaal ihn für Source Code als seinen Wunsch-Regisseur mit an Bord geholt und damit Duncan Jones die Möglichkeit eröffnet, mit diesem Film seine Hollywood-Taufe innerhalb von kürzester Zeit zu bestehen. Der Regisseur hat die Gelegenheit zur Talentprobe, die auf ein größeres Kino-Publikum zugeschnitten ist, durchaus zu nutzen gewusst.
Basierend auf einem Drehbuch von Ben Ripley besteht die dramaturgische Kunst hinter Source Code vor allem darin, wann welche und wie viele Informationen für den Zuschauer enthüllt werden. Sowohl Drehbuchautor als auch Regisseur haben diese Aufgabe in Story und Umsetzung des Films, der einen Großteil seines Reizes gerade auch aus seinen Plot-Twists bezieht, vorbildlich gemeistert. Der Film hält den Zuschauer geschickt über lange Zeit auf dem Wissenstand seines Protagonisten Captain Colter Stevens (Jake Gyllenhaal). Dieser wird in seiner Wahrnehmung ganz schön hin und her geworfen, nachdem er zu Beginn verwirrt in einem Zug aufwacht. Er hat keine Ahnung, wie er dort hingekommen ist. Die Frau, die ihm gegenüber sitzt, scheint ihn gut zu kennen und nennt ihn Sean. Auch sein Spiegelbild entspricht nicht seinem Selbstbild, wohl aber dem Foto in seinem Pass, der ihn tatsächlich als Sean Fentress, von Beruf Lehrer, ausweist. Noch bevor er das Ganze irgendwie verarbeiten kann, fliegt plötzlich der ganze Zug in die Luft. Stevens ist Teil einer militärischen Operation und wird mittels eines Computerprogramms namens "Source Code" in die letzten Minuten des Lebens von Fentress hinein versetzt. Er hat nur acht Minuten, um seine Mission zu erfüllen, bevor die Bombe detoniert. Dabei kann und soll er nicht die Menschen im Zug retten, obwohl er gerade das vor allem wegen der Frau ihm gegenüber (Michelle Monaghan) gerne täte – doch das Attentat ist ja schon geschehen. Er soll vielmehr den Attentäter ausfindig machen, damit dessen nächster angedrohter Anschlag noch verhindert werden kann, bevor er passiert. Dafür wird Stevens immer wieder in dieselbe Situation versetzt, um mit seinem jeweils gesammeltem Vorwissen mehr und mehr herauszufinden zu können. In Source Code trifft Und täglich grüßt das Murmeltier auf Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit und moderner Science-Fiction atmet einen Hauch von Hitchcock. Die szenischen Variationen der Geschehnisse im Zug sind wie ein klassischer Mystery Thriller inszeniert. Die Filmmusik von Chris Bacon unterstützt diese Anmutung des klassischen Hollywood-Kinos. Während die Titelsequenz mit ihren Luftaufnahmen des fahrenden Zuges und der über Häuser und Straßen Chicagos schwebenden Kamera sehr viel Raum eröffnet, wird der Film im weiteren Verlauf eher zu einem Kammerspiel, das sich auf ganze drei Innenräume beschränkt: der Zugwagon, die futuristisch anmutende Zelle, in der Captain Stevens während der Operation isoliert ist und die militärische Kommandozentrale, aus der er seine Instruktionen erhält. Kaum ist Stevens gleich nach der Titelsequenz das erste Mal im Zug erwacht, nimmt Source Code den Zuschauer mit auf eine temporeiche Fahrt durch Gegenwart, Vergangenheit und parallele Realitäten. Er eröffnet filmische Spielräume der Möglichkeiten und begibt sich in das weite Feld der Mindfuck-Movies. Wenn man Filme wie Inception, Jacob's Ladder (1991) oder Alejandro Amenábars Abre los ojos (1997) gesehen hat, erkennt man durchaus gerne verwendete Versatzstücke und Motive wieder. Das schmälert den Unterhaltungswert aber kaum, denn Script, Inszenierung und Montage (Oscar-Preisträger Paul Hirsch) spielen ihre Karten allesamt gekonnt aus: Das wiederholte Miterleben der Ereignisse im Zug wirkt sogar beim fünften Mal noch frisch, da immer neue Blickwinkel auf die Menschen im Zug, ein jeweils erweitertes Vorwissen aufgrund dessen der Protagonist unterschiedlich agiert und ein variierter und sich steigernder Montage-Rhythmus die Aufmerksamkeit zu fesseln wissen. Zwischenzeitlich verlagert der Film zudem geschickt den Fokus weg vom Geschehen im Zug auf die Interaktion zwischen Stevens und seinen Instruktoren im Kommandozentrum. Hier werden der Story durch den undurchsichtigen Chef der Operation (leider nicht völlig überzeugend: Jeffrey Wright) und Goodwin (Vera Farmiga, die in ihrer Rolle eine erstaunliche Intensität entwickelt, obwohl sie nicht viel mehr Handlungsspielraum hat als vor einem Kontrollmonitor sitzend mit Stevens zu reden) geschickt neue Impulse und Motivationen eingeimpft. Dies verleiht dem Protagonisten mehr emotionale Tiefe und lässt gleichzeitig die Story bis zur allerletzten Wendung spannend bleiben. Die Macher von Source Code haben das Rad zwar nicht neu erfunden, wissen aber bis zum Schluss sauber die Spur zu halten, ohne dass allzu viele Zuschauer wegen der vielen Richtungswechsel abspringen werden. Eines ist in der Rezeption von Source Code sowieso vorprogrammiert: Die Diskussion über Nachvollziehbarkeit und Logik, die ein solider Mindfuck mit sich bringt.
Sicher ist auch, dass sowohl für Gyllenhaal wie auch für Jones das Kalkül hinter dem Projekt Source Code aufgehen wird: Der Schauspieler hat vielgestaltige Gelegenheit, sich nuancenreich und überzeugend in Szene zu setzen. Und der Regisseur beweist mit diesem Film all das, was nach dem Independent-Erfolg von Moon noch zu beweisen war, bevor er in den Genuss eines großen Budgets für eigene Filmpläne kommt: Er kann durchaus mehr als einen Schauspieler gleichzeitig und gut inszenieren, er kann auch anderer Leute Drehbücher stilsicher umsetzen und er weiß tatsächlich größere Budgets und Projekte zu handlen. Jones hat mit Source Code sauber abgeliefert – man kann dem Mann jetzt gerne und guten Gewissens ausreichend Geld für die Umsetzung seiner eigenen Filmprojekte anvertrauen.
Quelle:
(Kirsten Kieninger) Kino Zeit

Kinofilm-Rating von : outnow.ch.

Nachdem sein Regiedebüt Moon bei den Kritikern hoch gefeiert wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis Duncan Jones sich eines grösseren Projektes annehmen würde. Mit Source Code kommt nun also sein zweiter Film in die Kinos, der hochkarätig besetzt ist und alles zu haben scheint, was ein Sommer-Blockbuster bieten sollte.
Der Einstieg in die Geschichte ist relativ unvermittelt, und man verliert gar nicht erst viel Zeit mit einer Einführung. Als der Protagonist erwacht, ist er über das Geschehen genauso uninformiert wie der Zuschauer, wodurch der Film gleich zu Beginn einen hohen Spannungsbogen aufbaut und einen unweigerlich in seinen Bann zieht. Als sich die Puzzleteile langsam zusammensetzen, scheint wirklich jedes Detail im Zug von Bedeutung zu sein, das Rätselraten beginnt und die 90 Minuten vergehen wie im Fluge. Das Ende wird einige bestimmt überraschen, fällt insgesamt aber leider etwas aus dem Rahmen.
Dadurch, dass Colter ständig dieselben 8 Minuten erlebt, wiederholt sich die Zugszene immer wieder. Glücklicherweise wird das Ganze wider Erwarten nicht langweilig, denn die zahlreichen Wendungen kommen unerwartet und wissen dramaturgisch zu überzeugen.
Die Schauspieler machen allesamt eine gute Figur: Jake Gyllenhaal spielt nach Jarhead einmal mehr einen Soldaten, kann in seiner Rolle als Colter Stevens aber absolut überzeugen, und die gute Chemie zwischen ihm und Michelle Monaghan ist in den Dialogen deutlich spürbar. Allerdings stiehlt Vera Farmiga allen die Show mit ihrer nuancierten Darstellung einer Soldatin, die einerseits ihren Job erledigen, andererseits dem Protagonisten zur Seite stehen möchte.
Fazit: Source Code ist ein solider Sommer-Blockbuster geworden, der nicht nur ausgezeichnet unterhält, sondern auch Köpfchen erfordert. Die Geschichte erinnert von der Thematik her stark an Inception, und obwohl der Film für Hollywood-Verhältnisse erfrischend anders und intelligent geschrieben ist, zieht er im direkten Vergleich ganz klar den Kürzeren. Dennoch: Für kurzweiliges Actionkino inklusive Grübeln und Mitraten ist gesorgt. Und wenn die Credits über die Leinwand laufen, sieht der ein oder andere die eigene Welt vielleicht mit ganz anderen Augen...

Filmgazette: von Lukas Förster

Paranoische Weltflucht

 

Ein Blick in den Spiegel, auf den ein anderer antwortet, bringt die Irritation in den Film und den Film in Schwung. Genauer gesagt: In den Spiegel hinein blickt das Filmstargesicht Jake Gyllenhaals, ihm entgegen kommt das Antlitz des frankokanadischen bit players Frédérick De Grandpré. Worum es dem Film und seiner komplizierten Zeitmanipulationskonstruktion geht, scheint lange Zeit vor allem: Jake Gyllenhaal und damit das Starsystem wieder mit sich selbst identisch zu machen. Tatsächlich endet Duncan Jones Source Code allerdings wieder mit demselben Bild: Einer weiteren Reflektion, die dem Blick des Stars wieder den falschen Körper zurück wirft. Nur ist diese Nichtidentität am Ende kein Problem mehr, sondern die Lösung.

Zunächst aber durchläuft der Starkörper Jake Gyllenhaal eine ausführliche Fremderfahrung. Er wird in sie hineingeworfen, hinein in einen ihm (aber nicht der Kamera, die erkennt den Star in ihm) fremden Körper, der sich noch dazu in einem Schnellzug befindet, in einer rasanten, mechanischen, also nicht selbstbestimmten Bewegung. Ihm gegenüber sitzt eine Frau (Michelle Monaghan), die vorsichtige Annäherungsversuche unternimmt und ihn mit dem ihm fremden Namen Sean anspricht, schräg hinten sitzt ein landesweit bekannter Comedystar, eine vorbeieilende Frau verschüttet Kaffee. Acht Minuten später - der Protagonist hat die Verhältnisse noch nicht einmal annähernd ordnen können - zerreißt eine Explosion den Zug und tötet alle Passagiere.

Nach der Explosion kommt Jake Gyllenhaal zu sich selbst zurück, zumindest scheinbar. Er heißt jetzt Colter Stevens, ist ein Veteran des Afghanistankriegs und befindet sich in einem düsteren Stahlgehäuse, das so einfach als Realität zu nehmen ihm bald auch nicht mehr möglich sein wird. Auch dort ist sein Gegenüber eine Frau (Vera Farmiga; so blond und eiskalt wie Michelle Monaghan brünett und naiv ist), allerdings trägt sie Uniform, erscheint lediglich auf einem Bildschirm und flirtet nicht. Statt dessen erklärt sie die Spielregeln: Die acht Minuten im Zug sind der Source Code des Titels, die Explosion Ergebnis eines realen, aber bereits vollendeten Terroranschlags, der Täter in der Jetztzeit auf freiem Fuß, unterwegs mit einer noch verheerenderen Bombe im Gepäck in Richtung Chicago. Im Source Code , einer wahrnehm-, begeh-, aber nur scheinbar veränderbaren Parallelwelt, die der ersten, tatsächlichen Welt vom amerikanischen Militär als interindividuelles mentales Bild abgerungen wurde, soll Colter Stevens nach dem Terroristen fahnden, um Schlimmeres zu verhindern.

Diese Konzeption erinnert an Tony Scotts furiosen Techno-Thriller Deja-vu ; wie dieser darf der zweite Film des talentierten britischen Regisseurs Duncan Jones (
Moon ) zu den interessantesten filmischen Bearbeitungen des Terrordiskurses nach dem 11. September 2001 gelten. Beide Filme entwerfen komplexe Modelle der Simulation und der technisch vermittelten Ersatzhandlung, das Hier und Jetzt der Bedrohung - aber auch des politischen Handelns - tritt in den Hintergrund. Diese paranoische Weltflucht treibt Source Code noch ein ganzes Stück weiter als Deja-vu , wo man sich in einer porös gewordenen Realität immerhin noch auf den Körper Denzel Washingtons als ontologischen Anker verlassen konnte. Source Code stellt gerade diese Konstante ganz vehement in Frage. Wenn da kurz vor Schluss doch noch der echte Körper der Hauptfigur auftaucht - als ein verstümmelter Leichnam, dessen Gehirnfunktionen lediglich durch Elektroimpulse aufrecht erhalten werden und der gefangen ist zwischen mehreren Ebenen der Simulation - findet Jones ein beeindruckendes Bild für den Ort, von dem aus das Subjekt der Weltgeschichte heutzutage spricht.

Sechsmal durchläuft der Film die acht Minuten des Source Codes (und damit sich selbst). Jake Gyllenhaal fungiert im Zug als Doppelagent: Einerseits durchsucht er den Code, um den Terroristen in der ersten Welt dingfest machen zu können (verdächtig sind Menschen, die mit technischen Medien kommunizieren, also im Grunde: alle), andererseits sucht er nach Hinweisen auf seine aktuelle Situation in eben dieser ersten Welt, denn so recht will er der uniformierten Blondine und ihren knappen Anweisungen nicht trauen. Und da ihm sein weibliches Gegenüber im Zug mit jeden acht Minuten mehr ans Herz wächst, taucht schließlich ein drittes, noch ambitionierteres Ziel auf: Der erste, eigentlich bereits geschehene Anschlag soll verhindert und also die ontologische Schranke zwischen den beiden Welten niedergerissen werden.

Dass es wieder einmal die romantische Liebe ist, die dieser letzten und größten Aufgabe als Katalysator dient, mag manch einer dem Film zum Vorwurf machen: Die innovative Erzähloberfläche wäre dann wieder einmal nur Fassade für einen altbekannten, strukturell betrachtet wertkonservativen Plotkern, der auf die heterosexuelle Paarbildung hinaus will. Man kann das allerdings auch anders herum aufziehen: Die handlungs- und individuumzentrierte Grundform des Hollywoodkinos ist eben nicht von vorn herein ein beengendes Korsett, das wieder und wieder künstlerische Kreativität erstickt und die dominanten kulturellen Normen reproduziert, sondern sie erscheint - und zwar selbst in einer Produktion, die sich stilistisch zumindest in der Nähe der Blockbusterästhetik bewegt - als eine erstaunlich elastische Hülle, die mit einem modernistischen, in letzter Konsequenz posthumanistischen Erzählexperiment wie Source Code problemlos kompatibel ist.

Lukas Foerster

Benotung des Films: (8/10)

 

 

Pöni's Filmclub aktuell von Hans-Ulrich Pönack

Der am 30. Mai 1971 im britischen Beckenham/Kent als Duncan Zowie Haywood Jones geborene Sohn der Pop-Ikone David Bowie fiel vor zwei Jahren mit seinem Debütspielfilm MOON angenehm auf. Einem Science-Fiction-Film, dem von der Kritik Blade Runner -Qualitäten bescheinigt wurde. Auch sein 2. Kinofilm kann sich toll sehen lassen. Ist ein außergewöhnlicher, sehr spannender Genrefilm. Für cineastische Schubladenfreunde seien namhafte U-Filme wie und täglich grüßt das Murmeltier , Zurück in die Zukunft , aber auch tiefergehende existenzialische wie meditative Stoffe wie neulich Inception , damals Twelve Monkeys (1995) und einst Johnny zieht in den Krieg von Dalton Trumbo (1971) als Vergleichsmotive genannt. Die hier Denkzitate liefern.

Wie oft muss man sterben, um am Leben bleiben zu können? Source Code , so informiert das Presseheft, heißt übersetzt Quelltext , ist der aus dem Binärcode in eine lesbare Form übersetzte Inhalt eines Computerprogramms. Erstmal gedanklich sacken lassen. -

Heute. Im Nachrichten-Fernsehen läuft eine Eilmeldung: Kurz vor Chicago explodierte ein Personenzug. Alle Reisenden kamen ums Leben. Als Colter Stevens (JAKE GYLLENHAAL) das erste Mal sich ausschüttelt , befindet er sich just in diesem Zug. Steckt in einem Körper, der ihm fremd ist und trägt einen Namen, den er nicht kennt. Befand er sich nicht eben noch als Helikopterpilot bei einem Einsatz in Afghanistan? Wie kommt er in diesen Zug? Und warum? Die ihm gegenübersitzende Mitreisende Christina (MICHELLE MONAGHAN) aber scheint ihn zu kennen. Wieso? Woher? So langsam tastet er sich voran, dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Als der Zug explodiert. Und sich Colter in einer sperrigen Kapsel isoliert wiederfindet. Und die Stimme von Colleen Goodwin hört. Einer Militär-Expertin. Die ihm klarmacht, der Teil eines geheimen Regierungsprogramms zu sein. Mit der vorsichtigen Andeutung auf Teil . Colter versteht zunächst Bahnhof . Befindet sich plötzlich wieder im Zug. Soll für die recherchieren. Hat aber wieder nur 8 Minuten Zeit. Bis zur Explosion. Danach wieder dieses düstere unwirkliche Gefängnis. Mit den Anweisungen von Dr. Rutledge (JEFFREY WRIGHT), dem Source Code -Erfinder, und von Goodwin. Er soll zurück. So oft wie möglich. Um den Attentäter aufzuspüren. Der mit atomarem Sprengstoff unterwegs ist, um ganz Chicago auszulöschen. Massenmord. Die Wissenschaft in den USA ist inzwischen geheim soweit, mittels eines bestimmten Computerprogramms Raum und Zeit zu durchbrechen. Oder so. Und versucht dies nun in der Terrorbekämpfung erstmals anzuwenden. Mit Ihm. Mit Colter Stevens. Als Noch-Lebendem oder Schon-Totem mit Rückfahrschein. Oder so.

Ein faszinierender Möglichkeits-Thriller. Plausibel erklärt. Und packend vorangetrieben. Mit viel Hitchcock-Suspense. Wer wie wo was warum - und dann??? Als aufregendes Dauergedankenspiel. Gedankenpuzzle. Wie weit ist vielleicht die wissenschaftlich-technische Forschung doch (bald)? Alles nur Hirngespinste eines begabten Drehbuch-Autoren namens BEN RIPLEY? Der uns weismachen will, dass sich nach dem Tode eines Menschen in DEM noch genügend Elektrizität zum kurzfristigen Weiterbenutzen besteht? Und wenn man dann Hirn mit Hirn zu verbinden vermag Regisseur Duncan Jones inszeniert cleveres, höchst unterhaltsames Spannungskino. Mit vielen unerwarteten Wendungen. Verblüffenden Pointen. Interessanten Ideen. Und einem brillanten Hauptdarsteller: Der 30jährige JAKE GYLLENHAAL, spätestens seit der Rolle des schwulen Cowboys Jack Twist in Brokeback Mountain (1995) durchgestartet, mimt diesen Rätsel-Typen Colter wie einen robusten Cary Grant der Neuzeit , a la diesem Roger Thornhill aus Der unsichtbare Dritte von Hitchcock. Unwissend, verwirrt, störrisch, dann engagiert. Ohne Mätzchen. Lange Zeit geradezu unheldisch. Natürlich aber völlig unelegant. Dafür schließlich pffifig- tricksig. Eine erstklassige, dichte Performance.

Am Ende allerdings mag der Film nicht aufhören, mutet sich noch 5 überflüssige, schlichte Kintopp - Ami -Minuten zu. Dabei ist eigentlich schon längst Feierabend. Aber letztlich ist das auch egal, denn für rd. 90 Minuten ist das hier erstklassiges, phantastisches Action-Kopf-Kino.

 (= 4 PÖNIs).

www.poenack.de

 

 

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sueddeutsche.de Rubrik: Im Kino

 

Ich bin der andere/Suche nach dem Ich

31.05.2011

Jake Gyllenhaal spielt einen Mann, der sich in andere Körper hineinversetzen kann - natürlich wird seine Fähigkeit von Militärs und Politikern ausgenutzt in Duncan Jones' Reisethriller "Source Code".

Alles wird okay, sagt beruhigend die junge Frau zu dem jungen Mann, der neben ihr am Fenster steht, er ist sichtlich verwirrt und verunsichert. Genau in diesem Moment fliegt der Zug, in dem die beiden sich befinden, in die Luft, in einer feurigen Explosion. Ein erstaunlicher Anfang, es sind noch nicht mal zehn Minuten des Films vergangen.

Jake Gyllenhaal als Colter wird im Zug von Michelle Monaghan als Christina angesprochen - und dann geht's rund in dem Thriller "Source Code" von Duncan Jones. (© dapd)

Ein Zeitreisefilm, der sein Genre ironisiert - aber dieses Genre ist von Anfang an, von der "Zeitmaschine" bis zum "Murmeltier", weit offen gewesen fürs lustvolle Experiment. In "Source Code" stecken zudem Reste aus einem anderen Genre, von Filmen über geheime Kommandounternehmen und den Teamgeist, den sie produzieren. Einen solchen Film würde er unbedingt noch machen wollen, hat der Regisseur Duncan Jones - der Sohn von David Bowie - bekannt, in einigen Jahren vielleicht, wenn die Erinnerung an Tarantinos "Inglourious Basterds" ein wenig verblasst sei.

Man kann nicht erzählen von Duncan Jones' aktuellem Film - seinem zweiten, nach dem erstaunlichen "Moon" -, ohne seine Atmosphäre, seine Unschuld, seinen wunderlichen Somnambulismus zu beschädigen. Diesen Schwebezustand, in dem der ganze Film sich bewegt, zwischen diversen Realitäts- und Zeiträumen, verschiedenen Bewusstseins- und Traumebenen.

Das erinnert ans junge amerikanische Kino der Siebziger, an die frühen Filme von Brian de Palma und ihre schwindelerregenden Splitscreen-Eskapaden - der legendäre Paul Hirsch, der sie damals montiert hatte, ist auch der Schnittmeister bei "Source Code". Das Kino fängt an, vom Ursprung des Erzählens selbst zu erzählen, vom Ursprung des Bewusstseins und der Identität.

Man wird nicht ohne Spoiler auskommen, wenn man über diesen Film schreibt, wird unwillkürlich mehr verraten, als man schon wissen sollte, wenn man ihn sehen will. Die Explosion ist jedenfalls schon der zweite Schockmoment für den Zuschauer - und für den jungen Mann (Jake Gyllenhaal). Er ist offenbar im Pendlerzug nach Chicago aufgewacht, stoppelbärtig und in einem Sportjackett, wurde von der jungen Frau gegenüber angesprochen (Michelle Monaghan), als wären sie einander bekannt, dann hat er die Zugtoilette aufgesucht und in den Spiegel geschaut - und ein fremdes Gesicht blickte daraus zurück. Im Jackett hat er einen Ausweis gefunden mit diesem Gesicht und dem Namen Sean Fentress, Lehrer. Aber der Mann ist sich sicher, dass er Captain Colter Stevens ist, Helikopterpilot in Afghanistan.

Nach der Explosion wacht Sean/Colter (Jake Gyllenhaal) langsam wieder auf, in Pilotenjacke nun, angeschnallt in einer düsteren Kabine. Auf einem Monitor sieht er eine andere Frau, in einer properen Uniform (Vera Farmiga). Sie ist seine Reisebegleiterin auf dem merkwürdigen Trip, auf dem er sich befindet.

"Source Code" heißt das Unternehmen, um das es hier geht, der Mann Colter Stevens ist offenbar begabt, sich in andere Körper zu versetzen: jeweils für acht Minuten - zum Beispiel den des Lehrers. Seine Fähigkeit wird sofort ausgenutzt von Militärs und von Politikern.

"This is beleaguered castle", sagt die Frau im Monitor: "Are you functional?" Mentaler Belagerungszustand im Dienste der guten Sache. Der Pendlerzug nach Chicago ist durch einen Terroranschlag in die Luft gejagt worden, keine Überlebenden. Der Täter - ein verwirrter Amerikaner - hat weitere Bomben angekündigt für die nächsten Stunden. Der Zug ist nicht mehr zu retten, die Vergangenheit nicht zu ändern. Aber weitere Anschläge könnten verhindert werden, wenn man herausfinden kann, wer der Täter ist - indem man Sean in den Zug zurück versetzt.

Langsam, ganz langsam kommt Sean - so wollen wir den jungen Mann nun nennen - zu sich, findet Spuren, entwickelt eigene Erinnerungen. Duncan Jones macht hybrides Kino, das aufregendste, das derzeit denkbar ist, mit einem beschränkten Budget, aber die großen Vorbilder von Kubrick bis Ridley Scott unverkennbar im Blick. Sein erster Film "Moon" war eine kleine Studie in Einsamkeit: ein Mann allein in einer Station auf dem Mond.

"Source Code" entwickelt ein Zeitreisemodell fürs Internetzeitalter - für eine Zeit, in der Wissenschaftler durch Retina-Implantate Blinde sehend machen oder das Gehirn direkt mit der Umwelt verbinden wollen. Nicht Körper werden transportiert, der Anschluss mit anderen Zeiten und Welten funktioniert psychisch. Informationen werden von einer Ebene auf die andere transportiert.

Der Film ist ein Gegenstück zu "24", er spielt in Echtzeit, aber durch die verschachtelten Zeitsprünge wird der Begriff der Zeit aufgelöst. Und der des Bewusstseins, das sie erfährt. Der Recherche unter Zeitdruck - den Täter finden, bevor er die nächste Bombe zünden kann - kontrastiert die andere Recherche, die einem ganz anderem Rhythmus folgt, die Suche nach dem Ich.

Was Sean/Colter durchzieht, ist die absolute Entfremdung, herumlaufen mit einem fremden Gesicht und Körper. Ein Fremdkörper sein. Das Bild, das der Mann - und wir im Kino - haben, ist nicht das der Menschen um ihn her. Die Basis der Identifikation wackelt bedenklich - wie es sich in Zugfilmen gehört.

Die ersten Minuten von "Source Code" gehören zu den schönsten, zartesten, geheimnisvollsten der letzten Jahre. Sie zeigen das Kino als ein Medium der Aufmerksamkeit, des Aufmerkens. Man erkundet die Welt mit den Figuren, und am Ende wird man womöglich auch mit ihnen daran glauben, dass der Wechsel in eine andere Welt möglich ist. "Cloud Gate" heißt die gewundene, silbrige, die Umwelt in sich aufnehmende Skulptur von Anish Kapoor, vor der wir uns am Ende finden.

Fotos: kino-zeit.de und chicago.ettractions.com

Scans Kinozeitschriften Mai 2011

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